Selbstverteidigungs-Workshop: Unbesiegbar auch ohne Waffen

Auch unbewaffnet kann man sich wirksam wehren: Die Referenten Marco Schwalm (von links), Jochen Posmyk und Andreas Neumann demonstrierten die Selbstverteidigungsgriffe. Fotos: Hoffmann

Niestetal. Der Ex-GSG 9-Polizist Jochen Posmyk gab am Wochenende in Heiligenrode einen Workshop in Sachen Selbstverteidigung.

Nur Nicholas Frieskes Lächeln lässt erahnen, dass der Kinnhaken, den er seinem Gegenüber gerade versetzt hat, alles andere als Teil eines ernstgemeinten Angriffs ist. Doch selbst wenn, Veronika Radzikhovskaya hätte die Situation im Griff gehabt, wie Frieske nämlich betreibt auch die 17-Jährige seit Jahren Ju Jutso, eine Selbstverteidigungsform, auf die selbst Polizisten im Alltag setzen. Auch wenn es auf den ersten Blick nicht so aussieht, ist die Kasseler Schülerin hier die Böse. „Sie wollte mir die Fresse polieren, deshalb habe ich einen Passivblock gemacht und gleichzeitig einen Angriff gestartet“, schildert Frieske die angenommene Ausgangssituation, die so oder ähnlich längst keine Seltenheit mehr ist auf Deutschlands Straßen.

Genau deshalb steigt die Zahl derer stetig, die in Kampfsportschulen und Vereinen Selbstverteidigung professionell erlernen möchten, wie auch am Samstag beim zweiten Heiligenröder Selbstverteidigungs-Wochenende des TSV in der Gemeindeturnhalle. An die 30 Teilnehmer sind gekommen, um mit den Referenten Jochen Posmyk, Andreas Neumann und Marco Schwalm einzutauchen in die Welt des Ju Jutso, einer waffenlose Form der Selbstverteidigung aus überlieferten Techniken des Jiu Jitsu, Judo, Karate, Aikido und anderen Kampfsportarten.

Schläge verringern Distanz

„Die Übungsformen beinhalten Schläge, Tritte, Würfe, Hebel, Würgen und Nervendrucktechniken“, erklärt Organisator Schwalm, der den Teilnehmern automatisierte und frei verfügbare Kombinationen aus Schlag-, Wurf- und Kontrolltechniken vermittelt, um den Angreifer zu Boden zu bringen und diesen dort abschließend zu kontrollieren. „Die Schlagtechniken werden hierbei zur Distanzüberwindung eingesetzt und dienen ebenso der Vorbereitung auf die nachfolgende Wurftechnik.“ Ziel sei dabei, eine hohe Dynamik der aneinanderfolgenden Techniken zu erzielen und diese „Best Practice“ miteinander effizient und effektiv, unter realistischen Bedingungen, einzusetzen.

Ein strenges Auge auf die Übungsabläufe hat dabei auch Justizvollzugsbeamter Jochen Posmyk, ausgewiesener Ju-Jutso-Experte aus Münster, der nicht nur Laien wie beim Workshop in Heiligenrode trainiert, sondern über viele Jahre auch bei der GSG9, einer Spezialeinheit der Bundespolizei zur Bekämpfung von Schwerst- und Gewaltkriminalität sowie Terrorismus, für Einsatztechniken zuständig war. Kaum einer weiß besser, was optimale Selbstverteidigung bewirken kann, denn er war bei zahlreichen Einsätzen dabei, unter anderem vor 40 Jahren in Mogadischu nach der legendären Landshut-Entführung zur Befreiung der Geiseln.

Von einem derartigen Experten unterrichtet zu werden, sei etwas Einmaliges, sagt Nicholas Frieske und schlüpft nach Expertenrat selbst nochmal in die Rolle des Bösewichts, bedrängt seine Trainingspartnerin Veronika und lebt gern damit, nach einem gekonnten Hüftwurf mit einem lauten Knall auf der Matte zu landen.

Drei Fragen an: Ex-GSG 9-Polizist Jochen Posmyk

Früher war Jochen Posmyk Polizist bei der Anti-Terroreinheit GSG 9 und half 1977 dabei, die Geiseln von Mogadishu zu befreien. Am Wochenende trainierte der inzwischen 60-Jährige in Heiligenrode mit Laien Selbstverteidigung.

Worum geht es beim Ju Jutso?

Jochen Posmyk: Im Großen und Ganzen um Selbstverteidigung. Es ist ein 1968 eigentlich für die Polizei entwickeltes System, welches bis heute modern und flexibel geblieben ist, sich immer wieder erneuert und aktuellen Ansprüchen anpasst.

Für welche Zielgruppen ist Ju Jutso geeignet?

Posmyk: Für nahezu jede, auch für Kinder und Jugendliche, denn Ju Jutso fördert die harmonische Körperentwicklung, schult Koordination und Konzentration und schafft nicht zuletzt auch Selbstvertrauen. Ju Jutso ist ein Sport für jeden geworden, durch seine Flexibilität sogar auch für Menschen mit körperlichen Beeinträchtigungen.

Wie unterscheidet sich Ju Jutso von traditionellen Kampfsportarten?

Posmyk: Es ist ein modernes System, das immer wieder neue Impulse aufnimmt, um mit der Zeit zu gehen. Dennoch bewahrt es auch die Werte fernöstlicher Traditionen, angepasst an ein modernes Lebensgefühl.

(Von Sascha Hoffmann)

Schlagworte zu diesem Artikel

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.