Gemeinde Niestetal bekommt den Niedergang zu spüren

SMA: Ein Goldesel für nur kurze Zeit

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Ernüchterung eingetreten: Der Niedergang von SMA hat erhebliche negative Folgen für die Gemeinde Niestetal.

Niestetal. Einst profitierte Niestetal von dem kometenhaften Aufstieg von SMA. Nun bekommt die Gemeinde den Niedergang zu spüren. Die Ernüchterung ist groß.

Im Niestetaler Rathaus trauten sie ihren Augen nicht: Für 2009 hatte die Kämmerei 19,2 Millionen Euro an Gewerbesteuereinnahmen eingeplant. Doch am Ende des Jahres waren es genau zehn Millionen Euro mehr. Und 2010 brachen dann endgültig alle Dämme: 37,8 Millionen Euro flossen in die Gemeinde, 80 Prozent der für die meisten Kommunalpolitiker unvorstellbaren Summe stammten dem Vernehmen nach von dem boomenden Solartechnikhersteller SMA.

Für Niestetal war die Hightech-Firma ein Geschenk des Himmels. Und für dieses Geschenk tat man alles Menschenmögliche. Die Verwaltung der 10.500-Einwohner-Gemeinde arbeitete unter Hochdruck, um die anspruchsvollen Wünsche des Goldesels zu erfüllen.

In einem für die Bürokratie rekordverdächtigen Tempo wurden die Voraussetzungen für den Bau einer riesigen Solarfabrik an der Hannoverschen Straße geschaffen. Gegenüber wuchs die Zentrale des Wechselrichterherstellers, dazu wurden die planerischen Voraussetzungen für die Solar-Akademie geschaffen, die zur Verwunderung mancher auf Stelzen im Überschwemmungsgebiet der Fulda entstand.

Andreas Siebert

Und dann der Sandershäuser Berg: Für insgesamt 35 Millionen Euro erschloss die Gemeinde neben der A7 ein 25 Hektar (Nettofläche) großes Gewerbegebiet. Dort errichtete SMA eine weitere riesige Fabrik. Doch das Boomjahr 2010 markierte zugleich auch die Wende. Eine zweite Fabrik auf dem Berg wurde schon nicht mehr gebaut.

Mit dem Stern des Unternehmens sanken auch die Einnahmen der Gemeinde drastisch. Für das laufende Jahr rechnet Bürgermeister Andreas Siebert (SPD) nur noch mit 2,3 Millionen Euro Gewerbesteuern. Für Niestetal ist das mickrig, anderswo ist das normal.

Seit drei Jahren sind die Kommunalpolitiker nun dabei, Wohltaten zu kürzen und Beschlüsse zu fassen, die zu mehr Einnahmen führen. Die Sanierung der Mehrzweckhalle wurde abgeblasen, die Niestetal-Card, die allen Kindern und Jugendlichen bis 18 Jahre 50 Euro pro Jahr bescherte, auf Eis gelegt.

Mehr zu SMA lesen Sie im Regiowiki.

Personal im Rathaus wurde reduziert, die kostenlose Betreuung von Kindergartenkindern in der Kernzeit ist längst Geschichte. Nur der kostenlose Ortsbus Niestetal-Express fährt noch, weil die Gemeinde aus dem Vertrag mit dem NVV nicht herauskommt.

Trotz dieser Einschnitte kalkuliert der Bürgermeister für das laufende Jahr mit einem Haushaltsdefizit von 2,7 Millionen Euro.

Etwas Luft haben die Niestetaler dank SMA noch: Die Rücklage beläuft sich noch immer auf fast 19 Millionen Euro. Doch sie schrumpft Jahr für Jahr.

Von Peter Ketteritzsch

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