Wanfried hat geniale Idee: Niederländer retten Fachwerk

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Musterhaft in Sachen Fachwerk: Im neuen Zentrum können sich die Käufer von Wanfrieder Häusern bei der Arbeitsgemeinschaft Rat und handfeste Hilfe für die Renovierung holen. Unser Bild zeigt (von links) Bürgermeister Wilhelm Gebhard, Peter Geerk, Dieter Böttcher, Diana Wetzestein und Jürgen Rödiger vor dem mit vielen historischen Techniken sanierten Gebäude.

Kreis Kassel/Wanfried. Sinkende Einwohnerzahlen, zerfallende Fachwerkhäuser, entvölkerte Dörfer - an betrüblichen Zukunftsaussichten herrscht auch im Landkreis Kassel kein Mangel.

Da mag ein Blick über den Tellerrand in den noch stärker von Auszehrung bedrohten Werra-Meißner-Kreis helfen. Die Kleinstadt Wanfried direkt an der früheren Grenze hat mit einem bundesweit beachteten Modell die Tristesse abgeschüttelt - und das ging so:

Im Jahr 2006 hat die Stadt einen steten Aderlass hinter sich, jedes Jahr verliert sie bis zu hundert Einwohner und schrumpft von 5000 auf 4200. Geschäfte und immer mehr der teils über 500 Jahre alten Fachwerkhäuser am einst reichen Endpunkt der Werra-Schifffahrt stehen leer und zerfallen. Ein Mehltau aus Hoffnungslosigkeit liegt über dem in zauberhafte Landschaft eingebetteten Städtchen.

So nicht, sagt sich da eine Gruppe von gut einem Dutzend Bürgern. Handwerker, Architekten, Kaufleute, Ruheständler, dazu ein Arzt, ein Bautechniker, ein Versicherungskaufmann – und der 2007 neu gewählte Bürgermeister Wilhelm Gebhard, ein Diplom-Betriebswirt, der mit 31 Jahren das bis dahin tiefrote Rathaus als CDU-Mitglied eroberte.

Fotos: Lebensgemeinschaft entsteht im früheren Hof Hubenthal in Oberkaufungen

Lebensgemeinschaft entsteht im früheren Hof Hubenthal in Oberkaufungen

Die „Bürgergruppe für den Erhalt Wanfrieder Häuser“ wird gegründet und restauriert – sozusagen zur Probe – den Sandsteinbau der „Uraltschule“ aus dem 18. Jahrhundert.

Die Bestandsaufnahme der Fachwerksubstanz ist erschütternd: Allein in der Kernstadt dämmern fast zwei Dutzend historische Häuser dem Zerfall entgegen. Kompetenz ist gefragt. Mithilfe des Förderprogramms Stadtumbau West nehmen sie sich eines seit 25 Jahren leer stehenden Hauses, Baujahr 1730, an und restaurieren es beispielhaft mit unterschiedlichen Techniken.

„Wir wollten zeigen, was und wie man etwas mit solchen Häusern machen kann“, sagt Journalistin Diana Wetzestein. Lehmwände und Dachstuhl werden erneuert, Balken freigelegt, Böden verlegt, die unterschiedlichsten alten Handwerktechniken und Dämm-Methoden vorgeführt. Das Ergebnis – ein Fachwerk-Musterhaus – wird auf der Denkmalschutzmesse in Leipzig vorgestellt.

Wahre Schnäppchen

Kompetenz in Sachen Fachwerk ist jetzt da, nun müssen nur noch Käufer gefunden werden. Da kommt der Gruppe um den jungen Bürgermeister eine geniale Idee: Warum nicht in den Niederlanden werben, wo die Hauspreise hoch sind und gerade bei Rentnern viel Geld vorhanden ist? Die Wanfrieder Fachwerkhäuser mit Preisen zwischen 5000 und 50.000 Euro müssen für sie wahre Schnäppchen sein – und die Niederländer lieben Fachwerk.

Auf der Internetseite marktplaats.nl stellt Wanfried 2009 sein Angebot ein – dann gibt’s kein Halten mehr: 4000 Klicks in den ersten drei Monaten und 30 konkrete Anfragen. Seither hat Bürgermeister Gebhard persönlich 250 Kaufinteressenten betreut, viele selbst durch die Stadt geführt. Inzwischen häufen sich auch die Anfragen aus deutschen Ballungsgebieten, wo Immobilienpreise und Mietkosten durch die Decke gehen.

Von Thomas Stier

Auch im Altkreis Kassel interessant: Bürgermeister suchen nach eigenen Lösungen

Kann das Wanfrieder Modell auch im Altkreis Kassel funktionieren? Wir sprachen darüber mit den Bürgermeistern der Fachwerkdörfer Söhrewald und Helsa. „Das ist eine prima Sache, aber ich weiß nicht, ob sich das Modell so einfach übertragen lässt“, sagt Söhrewalds Bürgermeister Michael Steisel (SPD). Niederländer seien schon seit Jahrzehnten in Wanfried, die Bevölkerung sei mit ihnen vertraut. Das sei in Söhrewald anders. Im Zentrum des Söhrewalder Ortsteils Eiterhagen stehen seit Jahren etliche Fachwerkhäuser leer. Vor Monaten hat ein Investor aus Baden-Württemberg das Haus Lindenstraße 7 gekauft – geschehen sei damit aber nichts; was der neue Eigentümer vorhabe, sei auch nicht bekannt.

Dies fördere die Skepsis der Bevölkerung, meint Steisel. Er würde gern mit einer Kerngruppe von Bürgern über Lösungsmöglichkeiten sprechen. Auch Studenten der Uni Kassel will er einbinden. „Sehr sinnvoll“, nennt Helsas Bürgermeister Tilo Küthe (SPD) den Wanfrieder Vorstoß. Der Bedarf sei da, in Helsa und den Ortsteilen stehen zunehmend alte Häuser leer. Wegen der Partnerschaft mit der niederländischen Gemeinde Krimpen am Lek seien die Voraussetzungen in Helsa gut.

Er habe das Thema bereits mit der dortigen Bürgermeisterin erörtert, sagt Küthe. Das Interesse von Niederländern, Häuser in Helsa als Ferien- oder Alterssitz zu erwerben, sei vorhanden. Nun wolle man Makler für das Thema interessieren, denn in der Regel seien die Immobilien in Privatbesitz. „Wir sind auf einem guten Weg, aber es holpert noch ein bisschen“, meint der Bürgermeister. (hog)

Kommunarden als Sanierungsexperte

In Kaufungen hat der Verein Lossehof im Frühjahr den über 200 Jahre alten Hof Hubenthal gekauft und so vor dem Verfall gerettet. Die Initiatoren gründen dort die Kommune Oberkaufungen, eine ökologisch und hierarchiefrei orientierte Lebensgemeinschaft. Der weitläufige Hof am Ortsrand wird in Eigenarbeit saniert und soll Lebens-, Wohn- und Arbeitsstätte für 40 Erwachsene und ihre Kinder werden.

Etliche Kleinbetriebe werden hier ihren Sitz haben. Die ersten Kommunarden leben bereits auf dem Gelände. Die teils baufälligen Gebäude werden gesichert und grundlegend saniert. Auf bis zu zehn Jahre Bauzeit hat sich die Initiative eingerichtet. Unter den Bewohnern sind Zimmerleute, ein Lehmbau-Fachmann und eine Restauratorin. Neben der Renovierung der eigenen Räume will die Kommune Oberkaufungen auch zu einem Kompetenzzentrum für die Sanierung alter Fachwerkhäuser in der Region werden. (hog)

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