Das Orchestrion spielt: 5. Geburtstag des Musik- und Filmmuseums

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Er tut nur so: Werner Baus kann nicht Klavier spielen. Das erledigt das elektrische Hupfeld-Klavier von 1908 für ihn. Dessen Tasten bewegen sich wie von Geisterhand. Kneipengäste konnten es mit einem Münzeinwurf in einen Blechkasten in Gang setzen.

Das Radio-, Musik- und Filmmuseum in Helsa-Eschenstruth besteht seit fünf Jahren. Am Wochenende wird der Geburtstag mit zwei Tagen der offenen Tür gefeiert.

Helsa. Die Kapelle spielt einen wilden Boogie Woogie, der Herkules leuchtet, das Wasser stürzt die Kaskaden hinab in den Teich, wo Schwäne ihre Kreise ziehen. Doch das ist keine Konzertszene im Bergpark Wilhelmshöhe und auch Musiker sind weit und breit nicht zu sehen: Der Musikgenuss kommt aus einem übermannshohen, reich verzierten elektrischen Musikautomaten, der vor mehr als 100 Jahren in vielen Gaststätten die Zecher in Stimmung versetzte - ein Popper-Orchestrion von 1909. Werner Baus, Inhaber des Musik-, Radio- und Kinomuseums in Helsa-Eschenstruth, hat es in einer Scheune in einem Dorf nahe der sächsischen Stadt Zwickau entdeckt. Es war Liebe auf den ersten Blick.

Das ist eineinhalb Jahre her. So lange hat es auch gedauert, bis der Musik- und Kinoenthusiast den damals vor sich hin rottenden Vorläufer der Musikbox vollständig restauriert hat. An diesem Wochenende, 27./28. Juni, wenn Baus das fünfjährige Bestehen seines Museums in Helsa mit Tagen der offenen Türen und Festprogramm feiert (siehe Hintergrund), wird dieses Orchestrion einer der Stars für das Publikum sein - neben einer Reihe weiterer alter Musikapparate, elektrischer Klaviere, Drehorgeln, historischen Radios, Geräten und Plakaten aus der goldenen Zeit des Kasseler Kinos. Und gewissermaßen als Schmankerl hat Baus das Orchestrion mit einem Lichtspieleffekt vom Herkules versehen. Eine Ansichstkarte vom Welterbe stand Pate. Die Schwäne bewegen sich dank eines Riemenantriebs.

Ein Hingucker: Wenn das Orchestrion spielt, leuchtet der Herkules und Schwäne ziehen vorbei.

In Wirklichkeit betreibt der mittlerweile 72-jährige Baus sein Museum schon weit über 40 Jahre. Vor fünf Jahren ist er mit seinem Schätzchen nur von Simmershausen nach Eschenstruth umgezogen. Die Stadt Kassel habe leider kein Interesse an seinen Museumsstücken gehabt, sagt der Rentner.

„Ich bin mit Radio-Milch aufgewachsen“, erzählt er weiter. Sein Vater sei Funkamateur gewesen. In Baus selbst erwachte die Sammelleidenschaft, als er bei seiner Konfirmationsfeier auf dem Dachboden Großmutters alte Spieluhr entdeckte.

Das Interesse am Kino wurde wach, als er jahrelang als Platzanweiser arbeitete. Seine Mutter habe im früheren Kasseler Ufa-Palast gearbeitet, erzählt er. Davon gibt es ein Foto im Museum.

Seit Jahrzehnten sucht der gelernte Versicherungskaufmann auf ausgedehnten Reisen nach vergessenen Schätzen aus der Radio- und Musikgeschichte. Sein Museum ist zugleich eine Werkstatt, die überfüllt mit alten Schätzchen ist, die darauf warten, wieder zum Leben erweckt zu werden.

Wie anspruchsvoll und langwierig solch eine Restaurierung ist, davon können sich die Besucher am Wochenende ein Bild machen: Baus hat auch ein marodes Popper-Orchestrion ausgestellt, das noch repariert werden muss. Da gilt es, Spielbälge zu erneuern, mottenzerfressene Ventile zu ersetzen und neue Membranen aus Fischhaut anzufertigen. Ganz zu schweigen vom Gebläse, der Elektrik und der Pneumatik, die auch nicht mehr funktionieren.

Von vielen Stücken mag sich Baus gar nicht trennen. Eine Drehorgel, die er vor vielen Jahren gebaut hat, habe er erst kürzlich wieder zurückgekauft, als sie im Internet angeboten wurde, berichtet der Restaurator.

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