Weiterbau der A44

Pendlerverkehr wird über Kassel-Nord ausweichen: Wegfall von Kassel-Ost hat Folgen

Die A 44 von Helsa nach Kassel soll nun schnellstmöglich gebaut werden. So wollen es Bund und Land. Das bedeutet: Für planerische Spielereien gibt es keine Zeit mehr.

Das gilt auch für die Anschlussstelle Kassel-Ost. Sie wird nun komplett wegfallen. Aus Sicht des Verkehrsministeriums ist eine neue Anschlussstelle Kassel-Ost in Kombination mit einem A7/A 44-Autobahndreieck nicht realisierbar. Daher wird es jetzt nur noch ein Autobahndreieck geben und eine A 44-Anschlussstelle bei Niederkaufungen – rund zwei Kilometer von Kassel-Ost entfernt.

Was für Folgen hat das für die Anrainerkommunen?

KASSEL

Fällt Kassel-Ost weg, bleibt nur noch Kassel-Nord als Anschlussstelle übrig, um direkt von der A7 in die Kasseler Innenstadt zu kommen. Das bedeutet laut Verkehrsministerium eine Verkehrszunahme auf der Dresdener Straße von aktuell 39 500 auf dann 42 000 Kfz pro Tag bis zum Jahr 2030 (plus 2500 Kfz). Der Verkehrsentwicklungsplan Region Kassel 2030 (VEP) geht sogar von ein Zuwachs von plus 4600 Fahrzeugen aus.

Eine Überlastung der Dresdener Straße erkennt das Ministerium jedoch nicht – weder Bund noch Land planten einen Ausbau der Strecke von aktuell vier auf sechs Fahrstreifen. Das bedeutet auch: Am aktuell bestehenden Lärmschutz entlang der Strecke wird sich auch künftig nichts ändern. Bekanntlich liegt südlich der Dresdener Straße die Eichwald-Siedlung (mit zum Teil überhaupt keinem Lärmschutz), nördlich das Kasseler Neubaugebiet „Vor dem Osterholz“ (derzeit wird dort ein Erdwall aufgeschüttet).

ChristofNolda

Mehr belastet wird auch die Heiligenröder Straße (Bettenhausen, Eichwaldsiedlung). Sie wird dann alle aus Waldau und Forstfeld kommenden Kfz aufnehmen müssen, die zuvor über die Leipziger Straße die A 7 (also über Kassel-Ost) erreicht haben. Jetzt müssen diese Autofahrer komplett durch Bettenhausen und entlang der Eichwaldsiedlung fahren, um zur Anschlussstelle Kassel-Nord zu kommen. Nach Prognosen wird dadurch der Verkehr auf der Heiligenröder Straße um etwa zehn Prozent von jetzt 9000 Kfz auf 9700 Kfz im Jahr 2030 steigen.

Stadtbaurat Christof Nolda (Grüne) hält diese Steigerung für vertretbar, auch deshalb, weil durch den Wegfall von Kassel-Ost vor allem die Leipziger Straße auf Kasseler Terrain erheblich entlastet wird – laut Verkehrsministerium von aktuell 16 000 auf dann nur noch 6000 Kfz im Jahr 2030.

KAUFUNGEN

„Kaufungen wird vor allem unter mehr Lkw-Verkehr leiden“, sagt Kaufungens Bürgermeister Arnim Roß (SPD). Lkw, die zuvor direkt von Kassel-Ost ins Gewerbegebiet Papierfabrik gefahren sind, müssten dann erst die neue A 44 bis zur Anschlussstelle Kaufungen und anschließend auf der alten Leipziger Straße wieder zurück nach Papierfabrik fahren. „Das bedeutet einen Umweg von rund vier Kilometern für jeden Lkw“, sagt Roß. „Daraus ergeben sich auch negative Effekte für die weitere Entwicklung des Gewerbegebietes. Vom zusätzlichen Schadstoffausstoß ganz zu schweigen.“

Arnim Roß

Befürchtet wird auch eine Überlastung der alten Leipziger Straße, die dann nicht nur den neuen Lkw-Verkehr, sondern auch den lokalen Auto-Verkehr aufnehmen muss, der aktuell noch über die B 7 bis nach Kassel-Ost fließt. „Nicht zuletzt besteht ohne Kassel-Ost die Gefahr von Lkw-Schleichverkehr aus Lohfelden kommend über die K 10 und die L 3203“, sagt Roß – einfach deshalb, weil ohne Kassel-Ost der Weg über die Autobahnen dann noch umständlicher wäre.

NIESTETAL

„Die Überlastung der Dresdener Straße durch den Wegfall der Anschlussstelle Kassel- Ost ist programmiert“, sagt Andreas Siebert (SPD), Bürgermeister von Niestetal. Schon jetzt staue sich der Verkehr zu Stoßzeiten regelmäßig bis nach Heiligenrode hinein. Überhaupt werde der allgemein zunehmende Auto-Verkehr die Ortsteile Niestetals künftig stärker belasten. 

Andreas Siebert

„Fällt Kassel-Ost weg, werden sich die Verkehrsströme komplett neu sortieren, was auch mit einem erheblichen Lärmzuwachs einherginge. „Während die A 7 zwischen Kassel- Ost und dem Autobahnkreuz Kassel- Mitte neue Schallschutzanlagen erhält, haben wir es im Bereich Sandershausen entlang der A 7 immer noch mit nur drei Meter hohen Plexiglaswänden zu tun“, sagt Siebert.

Das sagt das Ministerium

Nach Auffassung des Landes wird Kaufungen durch den Bau der A 44 sowie den Wegfall der Anschlussstelle Kassel-Ost „in vielen Bereichen vom Verkehr entlastet“. Mit Blick auf die Erreichbarkeit des Gewerbegebiets Papierfabrik sei zu unterscheiden: „Während sich für die im Westen des Gewerbegebietes liegenden Betriebe durch den Wegfall der Anschlussstelle Kassel-Ost Umwege von bis zu vier Kilometern ergeben, wird sich die Fahrstrecke für die im Osten des Gewerbegebietes liegenden Betriebe zum Autobahnanschluss Kaufungen deutlich reduzieren“, sagt Ministeriumssprecher Wolfgang Harms. 

Davon abgesehen könne die Gemeinde Kaufungen das östliche Gewerbegebiet durch einen zusätzlichen Anschluss direkt an die neue Anschlussstelle Kaufungen anbinden (Industriestraße) und damit besser entwickeln. Wie Ralf Struif, Planungsdezernent bei Hessen Mobil, bestätigt, ließen die aktuellen Planungen genau diese Entwicklungsmöglichkeit zu. „Im Osten von Papierfabrik gibt es tatsächlich noch so manche Freiflächen“, sagt Struif. Für die Ortsteile der Gemeinde Niestetal ergeben sich durch den Wegfall der Anschlussstelle Kassel-Ost, so sagt Harms, „keine unmittelbaren Veränderungen der Verkehrsbelastung“.

Hintergrund

Die vom Bundesverkehrsministerium genehmigte Planung sieht vor, die Dresdner Straße (jetzt Landesstraße) zu einer Bundesstraße aufzustufen und die Leipziger Straße (jetzt Bundesstraße) im Gegenzug zu einer Landesstraße abzustufen. Grund ist der Wegfall der A7-Anschlussstelle Kassel-Ost, der eine deutliche Verlagerung des Verkehrs weg von der Leipziger hin zur Dresdener Straße zur Folge haben wird. 

Die Aufstufung zur Bundesstraße ist jedoch erst nach dem Bau des A 44-Abschnitts Helsa-Kassel vorgesehen, teilt das Verkehrsministerium mit. Gleichwohl sieht weder der aktuelle Bundesverkehrswegeplan 2030 noch das Land Hessen den Ausbau der Dresdener Straße von aktuell vier auf sechs Fahrstreifen vor – obwohl dafür auf beiden Seiten der Straße noch Flächen bereit stehen und dort auch ein Bauverbot für Gebäude gilt.

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