Interview: Die SPD-Bundestagsabgeordnete Ulrike Gottschalck über ihren Boykott der Papst-Rede

„Personenkult ist übertrieben“

War nicht beim Papst im Bundestag:

Niestetal/Berlin. Als Papst Benedikt XVI. am Donnerstagnachmittag im Deutschen Bundestag sprach, blieb der Platz der SPD-Abgeordneten Ulrike Gottschalck leer. Die Niestetalerin zählte zu den rund 100 Parlamentariern, die die Rede des Kirchenführers boykottierten.

Wir sprachen mit der direkt gewählten Abgeordneten im Wahlkreis Kassel, die evangelisch ist, über ihre Motive.

Frau Gottschalck, warum haben Sie sich die Papst-Rede nicht angehört?

Ulrike Gottschalck: Meine Entscheidung hat nichts mit einem ideologischen Boykott zu tun, ich habe die Papst-Rede einfach nicht zu hoch gehängt. Mir scheint der Personenkult, verbunden mit hohen Kosten, doch reichlich übertrieben. Zudem stehe ich als evangelische Christin vielen Positionen des Papstes kritisch gegenüber.

Wo liegen Sie mit dem Papst über Kreuz?

Gottschalck: Insbesondere bei der Gleichstellung von Frauen sowie den überholten Positionen zum Zölibat und zur Empfängnisverhütung, gerade im Hinblick auf HIV. Nach wie vor vermisse ich auch mehr Offenheit beim Aufarbeiten der Missbrauchsfälle.

Wann haben Sie entschieden, nicht hinzugehen?

Gottschalck: Als die Anfrage der Bundestagsverwaltung zur Teilnahme kam.

Wie haben jene Abgeordneten-Kollegen, die die Rede verfolgt haben, auf Ihre Entscheidung reagiert?

Gottschalck: Der Bundestagspräsident hat den Papst mit Zustimmung aller Fraktionen in den Bundestag eingeladen, diese Entscheidung akzeptiere ich. Genauso akzeptieren die Kollegen meine Entscheidung.

Kritiker argumentieren, dass es unhöflich und schlechter Stil sei, die Papst-Rede nicht im Plenum zu verfolgen.

Gottschalck: Ich finde es peinlicher, dass die Stuhlreihen im Plenarsaal mit Nicht-Abgeordneten aufgefüllt werden. Es wäre besser gewesen, wenn der Papst auch ein paar leere Stühle ertragen müsste. Das ist einfach Lebensrealität.

Was haben Sie gemacht, als der Papst sprach?

Gottschalck: Ich habe in meinem Büro gearbeitet.

In Ihrem Wahlkreis leben zahlreiche Katholiken. Haben Sie die mit Ihrem Boykott vor den Kopf gestoßen?

Gottschalck: Das hoffe ich nicht. Die Rede von Benedikt XVI. nicht im Plenum zu verfolgen, war meine persönliche Entscheidung als frei gewählte Abgeordnete. Ich habe aber auch viel Verständnis für die Gläubigen, die sich über den Besuch des Papstes in Deutschland freuen.

Von Peter Ketteritzsch

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