Interview: Dekanin Carmen Jelinek über die Entwicklung der Arbeit im Kirchenkreis Kaufungen

Der Pfarrer ist auch Moderator

Neue Angebote: Pilger aus Baunatal und Umgebung unterwegs nach Santiago de Compostela auf der zweiten Jahresetappe. Und: Facebook als Thema der Jugendarbeit in der Kirchengemeinde Niestetal. Archivfotos: privat / nh

Kreis Kassel. Am morgigen Donnerstag ist in Lohfelden Kreissynode des Evangelischen Kirchenkreises Kaufungen, der den Altkreis Kassel abdeckt. Über neue Wege der Kirchenarbeit und über die Mitgliederentwicklung sprachen wir mit Dekanin Carmen Jelinek.

Frau Jelinek, auch der Kirchenkreis Kaufungen hatte in den vergangenen Jahren mit sinkenden Mitgliederzahlen zu kämpfen. Wie sieht die Lage zurzeit aus?

Carmen Jelinek: Die aktuellen Zahlen gibt es erst im kommenden Frühjahr. Nur so viel: Wir haben zurzeit 300 bis 400 Austritte pro Jahr. Das liegt zum Teil auch an der geringer werdenden finanziellen Ausstattung vieler Mitglieder. Sie sparen dann an der Kirchensteuer. Im Moment liegt der Kirchenkreis Kaufungen bei 71 005 Mitgliedern. Aber die Kurve der Austritte wird sich in diesem Jahr etwas abschwächen. Der demografische Wandel ist jedoch unser größeres Problem. Ein Beispiel: In der Kirchengemeinde Oberkaufungen standen im vergangenen Jahr 55 Sterbefällen 35 bis 40 Taufen gegenüber. Auch der Wegzug junger Leute spielt eine Rolle.

Wie empfinden die Menschen Kirche heute?

Jelinek: Viele kommen nicht mehr einfach nur, weil Gottesdienst ist. Sie kommen, wenn ein Angebot, ein bestimmtes Thema sie besonders interessiert. Das ist viel stärker zielgruppenorientiert.

Wie reagieren Sie im Kirchenkreis auf diese Situation?

Jelinek: Unsere Angebote sind vielfältiger geworden - auch was die Gestaltung der Gottesdienste angeht. So haben wir zwar weiterhin den klassischen Gottesdienst mit der zentralen Predigt. Aber auch neuere Formen des Abendgottesdienstes, der lockerer, nicht so akademisch gestaltet ist und sich weniger um die zentrale Predigt als um ein zentrales Alltagsthema dreht - zum Beispiel den Umgang mit Verantwortung.

Birgt diese Differenzierung auch Probleme?

Jelinek: Diese Spezialisierung ist auch eine Herausforderung. Wir müssen darauf achten, dass wir durch die verschiedenen Programme mit ihren verschiedenen Ausrichtungen das Miteinander der Generationen nicht aufs Spiel setzen. Dieser Austausch darf nicht verloren gehen.

Es gab auch kirchenintern bundesweit Kritik an der Qualität der Predigten. Wie begegnen Sie diesem Thema?

Jelinek: Wir haben zum Beispiel die „Arbeitsstelle für Gottesdienst“ in Hofgeismar. Sie berät die Kirchengemeinden und gibt Tipps zur Gestaltung. Zum Beispiel, wie eine Taufe optimal in den Gottesdienst eingebunden werden kann. Und es gibt hier in fast jeder Kirchengemeinde auch Gottesdienstausschüsse, die intensiv über die Inhalte diskutieren.

Früher spielte der Pfarrer den Alleinunterhalter. Wie sieht seine Rolle heute aus?

Jelinek: Die Situation des Pfarrers hat sich geändert. Er ist auch ein Stück weit Moderator geworden. Daraus hat sich die Gestaltung vieler Gottesdienste im Team entwickelt. Denn die Gemeindemitglieder wollen aktiv beteiligt werden. Viele Pfarrer sind sehr offen für Neues. Man muss aber immer überlegen, wie viel man einer Gemeinde zumuten kann.

Wie viele Leute besuchen denn im Schnitt einen Gottesdienst?

Jelinek: Schwer zu sagen. In Oberkaufungen liegt die Zahl zwischen 50 und 100. Aber zum Reformationsgottesdienst oder zu Erntedank kommen auch mal 500.

Die Finanzen werden ein zentrales Thema der Synode sein. Wohin geht die Reise?

Jelinek: Eine Tendenz geht dahin, dass Kirchengemeinden bei knapper werdenden Mitteln enger zusammenarbeiten müssen und sich zum Beispiel einen Jugendarbeiter teilen könnten. Sorgen machen uns die Stellen der Hausmeister und Küster. Wir sehen immer mehr Pfarrer, die Tische und Stühle selbst stellen.

Von Stefan Wewetzer

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