Landleben anno dazumal: Christa Werner aus Hertingshausen hat Zeugnisse auf Dachboden gefunden

70 Pfennig gab’s für die Kneipe

Fundstück: Christa Werner hat die Aufzeichnungen von Johannes Werner auf dem Dachboden entdeckt. Foto Dilling

Baunatal. 1958 war ein goldenes Jahr für Handwerker und Arbeiter, die auf der Suche nach Arbeit waren: Das Volkswagen-Werk ging in Baunatal in Betrieb. Vielen Landwirten bescherte das Werk aber ein Problem. „Da wollte keiner mehr auf dem Feld arbeiten“, sagt Christa Werner aus Hertingshausen. Sie und ihr inzwischen gestorbener Mann Karl bekamen das zu spüren.

Ab Ende der 1950er-Jahre musste das Ehepaar seinen Bauernhof allein bewirtschaften. 1993 endete die Jahrhunderte Familientradition der Werners. Sie gaben die Landwirtschaft auf, der Keramikhof zog ins Bauernhaus ein.

Wie Saisonarbeiter

Fast ein Jahrhundert zuvor hatte Johannes Werner, der längst verstorbene Großvater von Christa Werners Ehemann, noch keine Personalprobleme gehabt. Er hatte Mägde und Knechte, die auf seinem Feld arbeiteten und im Haushalt halfen. Heute würde man sie vielleicht Saisonarbeitskräfte nennen.

Christa Werner hat Zeugnisse aus jener Zeit in einem alten Kühlschrank auf dem Dachboden gefunden, als sie das aufgegebene Bauernhaus am Werraweg ausräumte, um in ein neugebautes Haus zu ziehen. Die heute 78-Jährige entdeckte neben alten Schulfibeln ihrer Schwieger-Großeltern, hölzernen Löffeln, Emailleschüsseln und Küchenreiben auch ein Heft, in dem Bauer Johannes Werner akribisch Einnahmen und Ausgaben bis in die 1930er-Jahre hinein aufgeschrieben hatte.

Die Notizen sind eine Fundgrube ländlicher Zeitgeschichte. Da ist 1904 die Rede von drei Mark, die die Magd Elisabeth Lange für einen Heimaturlaub erhielt. Oder von 70 Pfennig, die ein Knecht „für Schnaps“ bekommen hat. Die seien gern mal in die Kneipe gegangen, sagt Werner.

Familiär sei es damals auf dem Hof zugegangen, Knechte und Mägde saßen mit am Mittagstisch des Bauern, sie schliefen in ihrer eigenen Kammer. Den Lohn hätten sie nicht auf einem Schlag erhalten. „Das Geld wurde ihnen eingeteilt“, berichtet die Hertingshäuserin.

Der Bauer kümmerte sich um seine Leute. So bekam ein Knecht oder eine Magd 2,60 Mark zum Kauf einer Baumwolljacke dazu, 50 Pfennig für einen Hut. Zwei Mark gab es für das Besohlen von Schuhen. 1,10 Mark für eine weiße Schürze.

Die Magd Elisabeth Lange erhielt 1904 „40 Thaler Lohn“. Ob das für einen Monat oder eine längere Zeit war, das weiß Christa Werner allerdings nicht. Auf der Einkaufsliste von 1904 finden sich auch „zwei Steigen Leinen“ und „zwei Pfund Wolle“. Die Mägde hätten daraus Hemden genäht und Strümpfe gestrickt“, sagt Werner.

Seine Einnahmen hat Johannes Werner natürlich ebenfalls aufgezeichnet. Für ein drei Zentner schweres Schwein bekam er 1936 von dem Metzger Johannes Wicke aus Großenritte 159 Reichsmark, das sind heute ungefähr 600 Euro. Heute erhielte er – bezogen auf die Kaufkraft – nur gut ein Drittel dieses Preises. ARTIKEL UNTEN

Von Peter Dilling

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