In der Schule gab es Spaß, aber auch Schläge – Seidenraupenzucht für Fallschirme

Polster im Hosenboden

Ringelreihen auf dem Hof: Das gehörte auch zur Schulzeit in Großenritte. „Rote Kirschen ess’ ich gern“, so sangen die Mädchen. Von dem Lied leitete unsere Autorin Ria Ahrend den Titel ihres Buches über Kindheit und Jugend ab. Fotos: Sammlung Ahrend/nh

Baunatal. Jederzeit bin ich gern in die Schule gegangen und habe noch in späteren Jahren oft von ihr geträumt. In den Ferien bedauerte ich es sogar manchmal, nicht zur Schule gehen zu können, denn meine Mutter hielt mich in dieser Zeit stets an, Hausarbeit zu verrichten.

Ferienreisen waren im Krieg wie auch in den ersten Nachkriegsjahren kaum möglich. Nur wenigen Familien war es vergönnt, eine kleine Fahrt – etwa zu den nahen Verwandten – per Bahn oder Omnibus anzutreten. Wenn ein Klassenkamerad vom Ferienbesuch in einem 50 Kilometer entfernten Ort berichtete, sperrten wir anderen Mund und Nase auf.

Der erste Schultag ist mir in sehr guter Erinnerung geblieben. Wir Erstklässler hatten uns mit den Eltern auf dem Hof der Schule eingefunden, um dann mit ihnen gemeinsam ins Klassenzimmer zu gehen Ich stürzte gleich in die erste Bank hinein, die für vier Kinder Platz bot.

Alles wurde bestaunt, die Bilder an den Wänden, die langen Bänke, in denen noch ein Tintenfass eingearbeitet war. Die große Schultafel faszinierte mich sehr, zumal sie mit Schwung auf die andere Seite gekippt werden konnte. Wir waren über 50 Schüler und Schülerinnen und wurden in einem Klassenraum unterrichtet. Das war für den Lehrer sicherlich eine große Belastung. Nach einigen Tagen hat er uns auf andere Plätze verwiesen.

Mehrere Male habe ich in den ersten Schuljahren erlebt, dass einige Mitschüler Stockschläge auf die Finger oder auf den Hosenboden erhielten. Mit dieser Methode verschafften sich die Lehrer damals Respekt.

Ich kann von einem Klassenkameraden berichten, der es verstand, einige Schulhefte im Hosenboden zu verstecken, damit die Hiebe nicht so schmerzhaft für ihn waren. Die Prügel fielen für ihn jedoch umso heftiger aus, wenn der Lehrer die Polsterung entdeckt hatte.

Je länger die Kriegswirren andauerten, desto schwieriger wurde es mit dem Unterricht. Die meisten Lehrer waren damals als Soldaten eingezogen, so dass wir vorrangig von Lehrerinnen unterrichtet wurden. Viele Unterrichtsstunden sind durch Fliegeralarm ausgefallen.

Kräuter gesammelt

Neben den Schulaufgaben wurden wir dazu angehalten, nachmittags Heilkräuter zu sammeln, die dann zu Hause getrocknet wurden. Die Abgabe der Kräuter erfolgte wöchentlich in der Schule. Dort wurden sie sortiert, gewogen und die Mengen in Listen eingetragen. Es war sehr mühsam, Kamillenblüten zu sammeln. Bei Schafgarbe erreichte man schneller ein höheres Gewicht, doch die Bewertung war eine geringere.

Die älteren Schuljahrgänge befassten sich mit der zeit- und arbeitsaufwändigen Zucht von Seidenraupen, deren Kokons für die Herstellung von Seide für Fallschirme benötigt wurden.

Nach Kriegsende begann der Unterricht sehr zögerlich. Wir bekamen einen neuen Klassenlehrer und waren glücklich, mit Ludwig Bette einen sehr jungen Lehrer erwischt zu haben. Bei späteren Klassentreffen hat er uns von seinem Lampenfieber berichtet, als er zum ersten Male vor der Klasse stand und unterrichten musste. Er war nach dem Krieg, wie viele andere auch, in den Schuldienst übernommen worden ohne eine vorherige Lehrerausbildung, die erst Jahre später nachgeholt wurde. Doch seine Art von Unterricht ist uns allen in guter Erinnerung geblieben. http://zu.hna.de/rtdTux

Von Ria Ahrend

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