Anni und Fritz Werner aus Söhrewald begegneten im Wald dem scheuen Tier

Luchs in der Söhre gesichtet

Söhrewald. Atemberaubende Begegnung im Winterwald: Beim Spazierengehen stießen Fritz und Anni Werner aus Söhrewald jetzt in der Söhre auf einen Luchs. Luchse werden seit einigen Jahren immer wieder in Wäldern unserer Region gesichtet.

Anni und Fritz Werner fühlen sich in den Wäldern um ihren Wohnort Wellerode wie zu Hause. Jetzt brach das rüstige, ältere Ehepaar zu einer mehrstündigen Wanderung auf. Fritz Werner steckt seine flache Digitalkamera in die Tasche, das macht der 71-jährige frühere Henschelaner und jetzige Hobbyfotograf vor jedem Spaziergang. Schließlich bietet die Natur nicht so oft Einblicke in ihr Intimleben. Weil er die Kamera immer dabei hat, ist es ihm schon einmal gelungen, eine Ricke mit ihren säugenden Rehkitzen abzulichten.

Anni und Fritz Werner

Diesmal soll sich die ständige Foto-Schussbereitschaft des Rentners richtig auszahlen. Werner und seine Frau halten auf einem breiten Wirtschaftsweg oberhalb von Wellerode an, um die wunderbar verschneite Waldlandschaft zu genießen. Anni Werner schaut sich um, hält inne und stößt ihren Mann vorsichtig an. Nun sieht auch Fritz Werner, was seine Frau entdeckt hat. Auf einer Lichtung, nur einen Wurf entfernt, starrt sie eine große hellbraune Katze mit flauschigem Fell und Pinselohren an: ein Luchs. Werner erkennt das auf Anhieb, denn er hat die Berichte über das Herumstreifen dieser Raubtiere in den nordhessischen Wäldern gelesen. Der Rentner greift vorsichtig in seine Tasche, holt geräuschlos seine flache Kamera hervor und macht Schnappschüsse von dem Luchs, der weiter halb versunken im tiefen Schnee zu ihnen herüber äugt und kaum den Kopf bewegt. Den Werners erscheint es wie eine Ewigkeit, bis das Tier schließlich gelassenen Schrittes im Unterholz verschwindet.

„Das war wie ein Traum“, sagt Anni Werner, als sie mit ihrem Mann die Geschichte erzählt. Der Luchs sei ein Prachtkerl gewesen, ergänzt die 63-Jährige. Beide sind überrascht, dass das Tier sich so lange beobachten ließ, ohne zu fliehen. Fritz Werner gelang es sogar, noch ein kurzes Video zu drehen. „Wir haben uns allerdings nicht getraut, näher heranzugehen“, sagt der Rentner. Das Tier sei wohl ein „Herr“ gewesen, mutmaßt der Söhrewalder.

Seine Fotos will er dem örtlichen Förster und den Luchsbeauftragten des Kreises Kassel zur Auswertung zur Verfügung stellen. Künftig werden Fritz und Anni Werner mit noch schärferem Blick durch den Wald laufen. Vielleicht gibt es ja noch eine zweite Begegnung mit dem Luchs.

Luchse tauchen jetzt öfter auf

Hinweise auf herumstreifende Luchse im Kaufunger Wald und der Söhre häufen sich. Das bestätigen Wilfried Bettenhausen und Petra Walter, ehrenamtliche Luchsbeauftragte im Landkreis Kassel.

Bis vergangenes Jahr hat der Arbeitskreis Hessenluchs (siehe Hintergrund) 22 Meldungen im Kreis registriert, in ganz Hessen gingen 359 Meldungen ein. Allein 2010 berichteten vier Personen, einen Luchs gesehen zu haben. Laut Walter hat schon im neuen Jahr ein Kaufunger Jagdpächter gemeldet, er habe eine Luchsmutter mit drei Jungtieren und einen Kuder (männlicher Luchs) beobachtet. Brauchbare Fotos, wie sie Fritz Werner gelungen sind, seien bei solchen Begegnungen zwischen Luchs und Mensch allerdings die Ausnahme, sagen die beiden Forstbeamten aus Reinhardshagen.

Dabei komme es durchaus vor, dass sich Luchse dem Menschen nähern. Walter berichtet von einem Fahrradfahrer, der in Kaufungen mit seinem Schäferhund unterwegs gewesen sei, als plötzlich ein Luchs hinter dem Hund auftauchte. Luchse zeigten ein „sehr individuelles“ und manchmal auch „merkwürdiges“ Verhalten, meint die Luchsbeauftragte, die im Hauptberuf Leiterin des Forstreviers Holzhausen ist. Walter vermutet, dass sich viele Luchse auf ihren ausgedehnten Wanderungen an den Menschen gewöhnt haben.

Bettenhausen hält es für möglich, dass es sich bei Werners Expemplar um einen aus einem Tierpark entwichenen Luchs handelt, oder um ein Tier, das von einem privaten Halter ausgesetzt wurde. In jedem Fall seien Begegnungen mit einem Luchs für Menschen ungefährlich, betonen beide Experten.

Die Zahl der im Kaufunger Wald oder der Söhre herumstreifenden Luchse ist laut Walter nicht bekannt. Sie sei auch kaum zu ermitteln, weil die Reviere, in denen sich die Tiere aufhalten, viele Quadratkilometer groß seien. Bei den Sichtungen und Spuren wie Kot, gerissenen Beutetieren oder Abdrücken von Pfoten sei häufig nicht zu klären, ob es sich um ein und denselben oder aber mehrere Luchse handelt. Nach Ansicht von Walter sind die Meldungen aus der Bevölkerung über Luchse vor allem deshalb wichtig, weil dadurch die Wanderungsbewegungen der Tiere aufgezeichnet werden können und Maßnahmen zu ihrem Schutz, wie beispielsweise der Bau von Wildbrücken, gezielter umgesetzt werden können. (pdi)

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