Licht am Ende des Korridors

Raum für Unterricht für Kinder mit Verhaltensauffälligkeiten

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Wieder Lust auf Schule: Sophia, Heiko und Melanie Groß mit der Betreuerin Miriam Günther (von links) im Spielhaus in der Korridorklasse der Ernst-Abbe-Schule Kaufungen.

Kaufungen. Grundschulkinder die am Aufmerksamkeitsdefizit- oder Hyperaktivitätssyndrom (ADHS) leiden, werden in ihren Klassen oft zu Außenseitern. Um Kindern und Eltern einen Behandlungsweg, abseits von Medikamenten aufzuzeigen, entwickelte Sandra Eberth das Konzept der Korridorklasse.

Als Leiterin der Dezentralen Erziehungshilfe und ausgebildete Förderschullehrerin hat sie das Programm speziell auf die Bedürfnisse von Grundschulkindern zugeschnitten. Seit 2005 werden in der Stadt Kassel an drei und im Landkreis Kassel an vier Standorten sogenannte Korridorklassen angeboten. Eine davon in der Ernst-Abbe-Schule in Oberkaufungen. „Der Begriff Korridorklasse ist eine Metapher für einen Unterrichtsraum, den man wie einen Korridor durch viele Türen verlassen kann“, sagt Eberth.

Für die Dauer von vier Monaten werden bis zu acht Kinder aus ihrem normalen schulischen Umfeld herausgelöst. „Das Ziel ist eine begleitete Rückführung in die Stammklassen.“ Neben Deutsch, Mathematik, Sach- und Englischunterricht ist ein Sozialtraining Hauptbestandteil des Unterrichts. Eine mit dem Konzept vertraute Förderschullehrerin kümmert sich während der 16 Wochen intensiv um die Kinder. An der Ernst-Abbe-Schule ist es Miriam Günther. „Wir wollen verfahrene Situationen aufbrechen und neue, positive Lernerfahrungen schaffen“, sagt Günther.

Die achtjährige Sophia Groß aus Kaufungen hatte Schwierigkeiten, Regeln einzuhalten und Ordnung in ihre Schulsachen zu bringen. „Schnell war Sophia unter den Kindern an den Rand gedrängt“, berichtet ihre Mutter. Heute hält sie stolz das gute Zeugnis ihrer Tochter in den Händen. In der Korridorklasse gehörte Sophia schnell zu den Besten. „Ich durfte ganz oft in die Geschenkekiste greifen“, erzählt das Mädchen.

Sie hat die Erfahrung gemacht, die ihr fremd war. Weil sie sich an die auf den ersten Blick sehr kleinteiligen Regeln gehalten hatte, sammelte sie Lobstriche. Diese wurden mit dem Griff in die Geschenkekiste belohnt. „Wir schreiben den Kindern kleinzeilig auf, wie ihr Tagesablauf aussieht“, sagt Eberth. Auf der Tafel steht beispielsweise „Flitzepause“. Durch das entlanghangeln an den Eckpunkten, falle es verhaltensauffälligen Kindern leichter, sich an Regeln zu halten. Außerdem gebe es auf die Kinder zugeschnittenes Konzentrationstraining. „Gelobt werden ist viel schöner als angemotzt werden“, sagt Sophia heute.

Sie verlässt die Korridorklasse bereits nach 13 Wochen und kehrt zurück in ihre Stammklasse. Ihre Klassenlehrerin kennt das Sozialtraining. Auch die Klassenkameraden haben eine abgespeckte Variante des Trainings erhalten und kennen jetzt die Codewörter, mit denen Sophia anzeigt, an ihre Grenzen zu kommen.

Von Diana Surina

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