Vor Westfalen lagen nach dem Krieg Grenzsperren – Fressalien auf dem Bahnsteig

Auf Reisen in Trizonesien

Am Hauptbahnhof in Kassel: Das Bild zeigt die Inspektion einer amerikanischen Spezialeinheit im Juli 1946. Repro: Koch

Baunatal. Deutschland wurde nach dem Krieg von den Siegermächten in vier Besatzungszonen aufgeteilt. Die drei West-Zonen, die spätere Bundesrepublik, nannte man scherzhaft auch Trizonesien. Wir wohnten in der amerikanischen Besatzungszone.

Wenn man zur damaligen Zeit von Kassel nach Westfalen reisen wollte, fuhr man in die englische Zone. An der Grenze musste man den Zug verlassen, durch eine Sperre gehen und sich durch Vorzeigen des Ausweises kontrollieren lassen.

Verbindungen miserabel

Die Zugverbindungen waren damals miserabel. Trotzdem fuhr ich als Zwölfjährige mit einem Nachbarmädchen zu Verwandten nach Westfalen. Die Grenzsperre in Liebenau wurde passiert, alles ging gut - das Wort „okay“ war noch nicht so gebräuchlich. In Altenbeken mussten wir umsteigen. Fahrplan-Aushänge gab es zu jener Zeit kaum.

Durch falsche Auskunft eines Beamten stiegen wir Kinder in den verkehrten Zug und landeten in Paderborn. Nur durch die Hilfe eines jungen Bahnbeamten blieb es uns erspart, im kalten, zugigen und unbeleuchteten Bahnhofs-Wartesaal zu nächtigen, der von sehr vielen Reisenden frequentiert werden musste. Der nächste Zug Richtung Herford fuhr erst am anderen Morgen.

Der Eisenbahner, gerade jung verheiratet, hatte nur einen Wohnraum, in dem er mit seiner Frau wohnte und schlief. Diese war von unserem Besuch zwar überrascht, doch beide teilten ihr kärgliches Mahl mit uns: Bratkartoffeln und Rote Rüben. Sie schliefen im einzigen Bett des Raumes, während meine Freundin und ich auf der schmalen Couch nächtigten.

Nach einem kleinen Frühstück am anderen Morgen verließen wir die gastliche Familie und fuhren mit dem Zug zu unseren Verwandten. Solche Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft war für viele Menschen in den Notzeiten der Nachkriegsjahre eine Selbstverständlichkeit.

Die Verwandten hatten sich geängstigt, doch sie hatten keinen Telefonanschluss und konnten bei uns zu Hause nicht nachfragen. Das notdürftig reparierte Telefonnetz wurde fast nur von Firmen benutzt, während private Telefonanschlüsse kaum vorhanden waren.

Nie werde ich vergessen, dass beim eiligen Verlassen des Zuges in Paderborn der Kofferdeckel aufsprang und die vielen „Fressalien“, die unseren Verwandten zugedacht waren, auf den Bahnsteig rollten. Diesen Inhalt hatten die erstaunten Mitreisenden nicht im Koffer einer Zwölfjährigen vermutet.

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Adam_Ritze

Von Ria Ahrend

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