Ehemalige VW-Werkzeugmacher treffen sich einmal pro Monat zum Wandern

Rentner als Platzhirsche

Treffpunkt am Bahnhof Großenritte: Harald Mücke (vorn von links), Berthold Baumann und Reinhold Dietrich sprechen anhand der Wanderkarte noch mal durch, wo es für die Hirsche langgeht. Dann brechen sie zum Dörnberg auf. Fotos: Dilling

Baunatal/Schauenburg. Harald Mücke war schon zu seiner aktiven Zeit im Baunataler Volkswagenwerk der richtige Mann, wenn es darum ging, eine Feier, ein Jubiläum oder eine Verabschiedung von Kollegen richtig in Szene zu setzen. Keiner zeichnete und malte schönere Motive auf Glückwunschkarten.

Vor knapp dreieinhalb Jahren waren die geschickten Hände des heute 61-Jährigen wieder gefragt. Er hat damals das Emblem der im Oktober 2008 gegründeten Wandergruppe VW-Hirsche gezeichnet, das jetzt auf den schwarzen Polohemden der 30-köpfigen Schar von VW-Rentnern prangt. Klar, dass Mücke, der 2007 in Frührente ging, auch dazu gehört.

Revier in der Region

Wie die ebenso großenteils aus VW-Veteranen bestehenden Rennochsen haben die Hirsche ihr Revier in der gesamten Region abgesteckt. Sie wandern rund um den Edersee, sie haben den Bilstein bei Nieste in strömendem Regen erklommen, und sie sind auf ihrer jüngsten Wandertour rund um den Dörnberg an Tausenden gelb-leuchtender Schlüsselblumen vorbeigekommen.

Bei der Einkehr in Gasthäusern heben sie sich mit ihren schwarzen Polohemden deutlich von anderen Wandergruppen ab. „Am Anfang waren wir ehrgeizig, und haben 25 Kilometer und mehr gewandert“, sagt Berthold Baumann, Initiator der Hirsche. Inzwischen begnügt man sich mit deutlich kürzeren Touren, denn einige der ehemaligen VW-Mitarbeiter sind nicht mehr so gut zu Fuß.

„Wir wollen zeigen, dass wir als Rentner nicht mit der Bierflasche vor dem Fernseher auf der faulen Haut liegen“, sagt Reinhard Müller. Er hat wie fast alle Hirsche sein ganzes Arbeitsleben im VW-Werk verbracht, vor allem im Werkzeugbau in Halle 1 und 2.

Berhold Baumann ist der geistige Vater der Wandergruppe. Als der heute 61-jährige Großenritter 2008 nach 45 Jahren im Werk in Rente ging, bekam er bald Sehnsucht nach seinen Kollegen aus der langen Berufszeit. Im Rewe-Café in Hoof gründete er mit Jochen Gödel, Berthold Schütz, Reiner Dittmar und Gerhard Göbel die Wandergruppe. Letzerer hatte den zündenden Einfall für den Namen der Gruppe. „Der Hirsch ist einfach das größte Tier im Wald“, sagt er grinsend.

Anekdoten

„VW ist eigentlich abgehakt“, sagt Baumann über sein Rentnerdasein. Und doch werden die Jahre im Baunataler Werk während der Wanderungen in Anekdoten und zum Teil sehr witzigen Geschichten immer wieder lebendig: Das verbotene Fußballgucken mit einer heimlich auftgesteckten Antenne. Das nächtliche Grillfest, das den wachsamen Augen des Werkschutzes verborgen blieb.

Immer klingt ein gewisser Stolz über die geleistete Arbeit durch, wenn die Hirsche darüber sprechen. Ohne den Werkzeugbau hätten nicht nur in Baunatal die Räder bei VW häufiger still gestanden. „Wir haben viel improvisiert. Das gibt es heute nicht mehr“, sagt Mücke.

Von Peter Dilling

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