Reportage: Mit der Autobahnpolizei Baunatal unterwegs auf den Fernstraßen

Zu breit: Autobahnpolizist Eike Sonnenburg nimmt das Maß des Außenspiegels eines Transporters. Der Fahrer des Wagens hatte im Baustellenbereich an der Helterbachtalbrücke überholt, obwohl der Transporter etwa 40 Zentimeter zu breit ist. Fotos: Zgoll

Über hunderttausend Fahrzeuge sind täglich auf den Autobahnen rund um Kassel unterwegs. Überwacht werden die Fernstraßen von den Beamten der Autobahnpolizeistation Baunatal. Wir haben die Polizeioberkommissare Eike Sonnenburg und Jens Wagener einen Tag lang bei ihrer Arbeit begleitet.

Aus dem Funkgerät ertönt eine männliche Stimme: "Ein Unfall mit Sachschaden auf der A 7." Die Polizeioberkommissare Eike Sonnenburg und Jens Wagener machen sich sofort auf den Weg. An der Unfallstelle angekommen, lässt der erste Anblick der zertrümmerten Baken auf der Fahrbahn Schlimmes ahnen. Ein Lkw-Fahrer ist mit seinem Truck in Höhe Guxhagen in einer Baustelle in die rot-weißen Warnbaken gefahren.

Doch glücklicherweise ist der Crash relativ glimpflich verlaufen. Der Aufprall hat ein großes Loch in die Frontverkleidung auf der Beifahrerseite des Lasters gerissen. Der Fahrer Thomas Dost aber ist unverletzt und froh, dass niemandem etwas passiert ist. Er raucht nervös eine Zigarette und telefoniert mit seinem Auftraggeber. Sobald die Formalitäten geklärt sind, muss er weiter. Neben dem Schrecken kostet ihn der Vorfall 35 Euro Verwarnungsgeld.

Einige Stunden zuvor in der Teeküche der Polizeiautobahnstation Baunatal: "Dann wollen wir mal loslegen", sagt Eike Sonnenburg, genannt Sonne. Gemeinsam mit seinem Kollegen Jens Wagener macht er sich in einem silber-blauen VW-Transporter auf, die Autobahnen rund um Kassel abzufahren. Bei trübem Wetter beginnt die Fahrt. Der Wagen ist beladen mit rot-weißen Hütchen, Warnlampen und allem, was die Autobahnpolizisten sonst noch brauchen, wenn sie zu einem Unfall gerufen werden oder einen Stau sichern müssen. Auf dem Dach und am Heck sind Warnschilder angebracht. Die Kelle liegt griffbereit im Ablagefach der Beifahrertür. Hinten im Wagen befindet sich ein mobiler Arbeitsplatz samt Netbook und Drucker mit Kopierfunktion. "Damit geht alles viel schneller, wenn wir einen Unfall aufnehmen müssen", sagt Sonnenburg.

Der 40-Jährige mit kahlem Haupt und kurz geschorenem Haar an den Seiten trägt wie sein Kollege Wagener einen dunkelblauen Polizeipullover. Auf der Brust prangt das hessische Landeswappen mit seinem rot-weißen Löwen, auf dem Rücken der reflektierende Aufdruck "Polizei". Die Schulterklappen schmücken zwei silberfarbene Sterne. Die Dienstwaffe steckt im Holster. Der 44-jährige Wagener mit dem kurzen, schütteren Haar, das an den Schläfen leicht ergraut ist, erinnert in manchen Augenblicken an den deutschen Schauspieler Heino Ferch.

Die erste Kontrolle des Tages machen die beiden auf der A 44. Wagener, der den VW-Bus fährt, zieht an einem Lkw vorbei und setzt sich vor ihn. Er schaltet die Anzeige am Heck des Wagens ein, die signalisiert "Bitte folgen", und der Lkw-Fahrer gehorcht. Auf dem Rasthof Bühleck halten beide Fahrzeuge und die Kollegen teilen sich auf. Während Sonnenburg zum Führerhaus des Lkw geht, in dessen Fenster ein großes Schild mit dem Namen Helmut hängt, und sich dem Fahrer höflich vorstellt, kontrolliert Wagener bestückt mit einer Taschenlampe den weißen MAN-Truck auf seinen technischen Zustand. Dazu schaut er sich die Bremsen, die Reifen und die Ladung genauestens an. "Der ist sauber", stellt der Beamte fest. Auch die Ladung Fensterprofile ist vorschriftsmäßig gesichert.

Währenddessen nimmt Sonnenburg die Personalien des Fahrers auf und gibt sie zur Überprüfung an seinen Kollegen weiter. Wagener nimmt per Funk Kontakt mit der Dienststelle auf. Auch hier ist alles in Ordnung. Schließlich liest Sonnenburg noch die Daten der Fahrerkarte aus, auf der neben den persönlichen Daten des Truckers auch dessen Ruhe- und Lenkzeiten gespeichert sind. Lastwagenfahrer Helmut Dahle nimmt die Kontrolle gelassen. "Die gehören eben dazu", sagt der 53-Jährige entspannt.

Weiter geht es auf der A 7. Im Baustellenbereich an der Helterbachtalbrücke bei Melsungen verläuft die Fahrbahn dreispurig. Hier gilt für Fahrzeuge, die breiter als 2,10 Meter sind, Überholverbot. Es dauert keine Minute, und ein roter Sprinter mit Kasseler Kennzeichen zieht auf der mittleren Spur an einer Lkw-Kolonne vorbei. "Der passt nicht", ist sich Sonnenburg sicher.

Wieder gibt Wagener Gas, überholt das Fahrzeug und die Männer darin folgen ihm wie angezeigt zum Maxi-Autohof Malsfeld. Die beiden Monteure sind auf dem Weg nach Gießen und stehen unter Zeitdruck. Dennoch händigen sie ohne Widerworte ihre Papiere aus. Sonnenburg überprüft die Angabe der Wagenbreite im Fahrzeugschein. Knapp zwei Meter werden dem Transporter dort bescheinigt. "Allerdings", weiß Sonnenburg, "ist das die Breite ohne Außenspiegel", und er zückt seinen Zollstock. 25 Zentimeter misst er pro Spiegel, die noch draufgerechnet werden müssen. Die Monteure packen ihren eigenen Zollstock aus, messen ebenfalls. "Könnte hinkommen", räumt der Beifahrer ein und lacht. Das Verwarngeld in Höhe von 20 Euro zahlen die beiden Handwerker aus eigener Tasche und brausen Richtung Gießen davon.

Die Beamten fahren wieder auf die A 7 auf. Nach kurzer Zeit überholt ein Lkw mehrere andere Trucks trotz Überholverbot. Er ignoriert dabei zwei Verbotsschilder. Auch er wird rausgewinkt. "Ich hab das Schild nicht gesehen", sagt Lkw-Fahrer Klaus Schütz, nachdem Sonnenburg ihn auf sein Vergehen hingewiesen hat. Doch das lässt der Polizist ihm nicht durchgehen. "Das war nicht das erste Schild", erwidert er geduldig.

Fotos: Mit der Autobahnpolizei unterwegs

Die Autobahnpolizei in Baunatal

Zwar bleibt der Fahrer aus dem Landkreis Kaiserslautern freundlich, aber ungerecht behandelt fühlt er sich schon. "Die anderen überholen mich ständig und wenn ich es dann mal tue, trifft es mich", beklagt der selbstständige Trucker. Doch sein Zetern nützt ihm nichts. Er bekommt mit einem Punkt in Flensburg und 70 Euro Bußgeld seine Strafe. Zum Abschied geben die Beamten und er sich versöhnlich die Hand. "Habt Dank", sagt der 48-jährige Trucker noch. Darüber freut sich Sonnenburg: "So soll s sein. Er hat schon verstanden, was er falsch gemacht hat, und zeigt Einsicht."

Auf dem Rückweg zur Dienststelle sagt Sonnenburg: "Heute war ein ruhiger Tag. Solche Tage nehmen wir gerne." Dort angekommen, zeigen die beiden Beamten Fotos von weniger ruhigen Tagen. Von Unfällen beispielsweise, bei denen Menschen zu Tode gekommen sind. Fast andächtig erzählen sie, wie es zu den Tragödien gekommen ist. Und obwohl die Ereignisse zum Teil schon Jahre zurückliegen, erinnern sich die Polizisten noch an Details wie Datum, Uhrzeit oder Namen der Opfer und deren Angehörigen. "Das brennt sich ein", sagt Wagener ernst.

Von Nicole Schippers

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