Zu Ehren des Grimm-Jubiläumsfestivals 2013

Reportage: Berliner Theater Anu zeigte Projekt Schattenwald

+
Licht im Dunkeln: Im finsteren Wald zeigten sich Märchensymbole von ihrer erschreckendsten Seite. Wen oder was sie genau darstellen sollen, bleibt dem Besucher überlassen.

Nieste. Es ist erst wenige Minuten her, da marschierten 50 Frauen und Männer mit festem Schritt, laut plaudernd und lachend vom Niester Riesen Richtung Wald, gleich einer lustigen Wandergesellschaft. Jetzt ist es still.

Kein Ton ist zu hören, die Schritte sind leicht und federnd, die Stimmung feierlich, wie bei der Andacht in der Kirche.

In Zweierreihen und Hand in Hand folgen wir einem steiler werdenden Weg. Ich bin die Einzige, die keine Hand in ihrer hält. Das Theaterprojekt Schattenwald, welches zum Grimm-Jubiläumsfestival gehört, wollte ich allein erleben. Ohne meinen Freund. Ein Abend für mich und meine geliebten Märchen. Doch das bereue ich schnell.

Die Bäume um uns herum scheinen zu wachsen, einzige Lichtquellen sind die schwach leuchtenden Laternen, die wir in die Hand gedrückt bekommen haben. Trockene Blätter krachen unter unseren Füßen so laut wie Presslufthämmer. Der Duft von frischer Walderde vermischt mit Lockrufen aus dem Wald führt uns weiter in das dunkle Ungewisse und die alte Welt, wo Raben zu Menschen werden und weise Frauen das Schicksal von Göttern und Sterblichen bestimmen. Die jahrtausendalte, vergessene Welt wird zur greifbaren Wirklichkeit.

Wir stehen vor einem Vorhang und werden krächzend von einem Menschenraben begrüßt. Zuckend richtet er sich auf, steht auf einem Baumstumpf, schaut um sich. Ich weiche ein paar Schritte zurück und in mir steigt etwas hoch, was ich schon lange nicht mehr gefühlt habe: Grusel. Und dann steht er neben mir. Dieser Rabe in Menschengestalt. „Reich mir deine Hand“, kräht er, während meine Gruppe paarweise durch den Vorhang geht. Seine Stimme ist so verzerrt, dass ich eine Gänsehaut bekomme. Unsicher schaue ich auf den dunklen Boden. „Kräh, kräh, sei vorsichtig Kind, geh nicht verloren“, höre ich. Dann verschwindet er im Nichts.

„Hast du mich vergessen? Ich bin dir nachgefolgt ...“ Wie ein warmer Wind weht eine liebliche Stimme diese Worte von Baum zu Baum. Schwach leuchten die Laternen der Vorgruppe, hinter uns schallt es, als würde ein Schwarm Krähen uns folgen und ich sehne mich nach meinem Freund. Aber nach und nach wird aus den Paaren eine Gruppe. Gemeinsam bewundern wir die Schattenbilder um uns. Sie leuchten wie Sterne am klaren Himmel. Wir begegnen Riesen, Gott Thor persönlich und sehen Schattenspiele von Märchen und Sagen. Viel zu schnell sind wir wieder in der Realität, aber die Erinnerung an mein persönliches Märchen wird mir immer bleiben.

Von Anthoula Grigoriadou

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.