Vorwurf des Rechtsextremismus

Reservisten wehren sich: „Wir hegten keinen Verdacht“

Witzenhausen/Nietse. Fassungslos und zutiefst erschüttert zeigten sich die Kameraden der Marschgruppe Hürtgenwald bei einem Gespräch mit unserer Zeitung.

Den Vorwurf, dass die Soldaten der Reserve kriegsverherrlichende Rechtsextremisten sind, weisen sie entschieden zurück. „Wir alle stehen jetzt im Rampenlicht.“ Berthold Theus Wie sollen wir mit den Vorwürfen des Hessischen Rundfunks (HR) zu Michael L. aus Nieste umgehen? Das war eine zentrale Frage während eines Krisentreffens der Reservisten. Die Soldaten wagen nun den Schritt in die Öffentlichkeit, um ihre Sicht der Dinge darzustellen.

In einem Fernsehbericht hatte der Hessische Rundfunk am Sonntag in der Marschgruppe Hürtgenwald Michael L. aus Nieste als mutmaßlichen Rechtsextremisten entlarvt. Bereits im Dezember 2011 war die Reservistenkameradschaft in die Schlagzeilen geraten. Damals hatte der Sender berichtet, dass ein Rechtsextremist, der beschuldigt wird, das Holocaust-Mahnmal in Kassel beschmiert zu haben, bei einer Übung mitmachte. Michael L., der zurzeit als Hauptmann bei der Bundeswehr in Afghanistan stationiert ist, habe viermal an Märschen der Gruppe teilgenommen.

Der Soldat sei Mitglied in der Reservistenkameradschaft Kaufunger Wald. „Er ist das erste Mal im Frühjahr 2011 bei uns aufgetaucht“, erinnert sich Marschgruppen-Leiter Otto Baumann. Bei den Märschen hätten sich die Teilnehmer auch über Persönliches ausgetauscht, L. habe aber nie über rechtes Gedankengut gesprochen. Weder die NPD noch der sogenannte Freie Widerstand Kassel seien thematisiert worden. „Wir alle stehen jetzt durch die HR-Berichterstattung im Rampenlicht“, sagt Berthold Theus, stellvertretender Leiter der Marschgruppe und Mitglied bei den Reservekameraden Herkules Kassel.

Theus ist einer der Reservisten, die in dem HR-Bericht zu sehen waren. Seitdem müsse er sich ständig rechtfertigen. Auch die anderen Soldaten könnten sich vor Anrufen aus ihrem Umfeld kaum retten. „Wir haben dich mit dem Neonazi im Fernsehen gesehen, das hätten wir aber nicht von dir gedacht“, müssen sich die Reservisten immer wieder vorwerfen lassen. Vom HR fühlen sie sich getäuscht. Unter dem Deckmantel, eine Reportage über die Aufgaben der Marschgruppe zu drehen, habe der HR Kontakt aufgenommen.

„Wir stehen zum Grundgesetz und distanzieren uns von rechtsextremem Gedankengut“, sagt Marschgruppenfeldwebel Markus Debus. Die Reservisten seien keine schießwütigen Kriegsspieler. „Wir sind ein Verein, dessen Schwerpunkt das Marschieren ist“, sagt Baumann. Die Gruppe entscheide nicht über Mitgliedschaften. Das sei Aufgabe des Bundesverbands. Überdies müsse jedes Mitglied den Unvereinbarkeitsbeschluss des Reservistenverbands unterzeichnen. Dieser beinhaltet das Bekenntnis zur freiheitlichen demokratischen Grundordnung der Bundesrepublik. Ferner werde erklärt, dass extremistische Aktivitäten mit der Mitgliedschaft unvereinbar sind. „Wir hätten Michael L. gemeldet, wenn wir einen Verdacht gehegt hätten“, sagt Baumann.

Von Alia Shuhaiber

Stichwort: Reservisten

Reservisten, also Soldaten, die in der Bundeswehr gedient haben, sind integraler Bestandteil der Streitkräfte. Sie können sich über ihre aktive Dienstzeit hinaus in der Armee engagieren. Beorderte Reservisten verfügen über einen Dienstposten bei der Bundeswehr, absolvieren freiwillige Wehrübungen und können befördert werden. Daneben gibt es die freiwillige Reservistenarbeit, die vom Verband der Reservisten der Deutschen Bundeswehr organisiert wird. Der Verband hat knapp 120 000 Mitglieder. Auf freiwilliger Basis können Offiziere, Unteroffiziere und Mannschaften auch an Auslandseinsätzen teilnehmen. (ket)

Info im Internet: www.reservistenverband.de

Hintergrund: 68 000 Soldaten fielen im Hürtgenwald

Die Kämpfe im Hürtgenwald bei Aachen zählen zu den verlustreichsten Schlachten des Zweiten Weltkriegs. Sie dauerten vom 12. September 1944 bis zum 30. Januar 1945. In dem Landstrich zwischen Düren und Monschau versuchte die Wehrmacht, den Vormarsch der Alliierten ins Rheinland zu stoppen. Bei den Kämpfen fielen 68 000 Soldaten aus Deutschland, England, Kanada und den USA. Die Orte Düren, Jülich, Eschweiler und Hürtgen wurden weitgehend zerstört. Nach ihrem Sieg im Hürtgenwald setzen die Alliierten ihren Vormarsch in Richtung Köln fort. Seit fast 30 Jahren erinnert der Internationale Hürtgenwaldmarsch an die blutigen Kämpfe. Das Motto der Veranstaltung lautet „Versöhnung über den Gräbern“. Ausgerichtet wird der Marsch, der an die Opfer der Schlacht erinnern und der Völkerverständigung dienen soll, vom Landeskommando Nordrhein-Westfalen der Bundeswehr und Reservisten aus dem Raum Aachen. Die Teilnahme an dem Marsch - angeboten werden Strecken zwischen 20 und 40 Kilometer Länge - steht aktiven Soldaten, Reservisten und Zivilisten offen. (ket)

 

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