Reportage: Schnelle Hilfe mit Rettungshubschrauber Christoph 7

Starteten am Morgen: Das Team von Christoph 7 mit Rettungsassistent Hans-Dieter Bohlander (von links), Notarzt Dr. Tobias Brüggemann und Pilot Oliver Kaminski (rechts) sowie HNA-Redakteur Michael Schräer. Foto: Fischer

Kassel/Fuldatal. Keine Zeit für lange Erklärungen. Vor wenigen Minuten hat Pilot Oliver Kaminski von der Fliegerstaffel der Bundespolizei in Fuldatal den orangenen Rettungshubschrauber Christoph 7 auf dem Dachlandeplatz des Rot-Kreuz-Krankenhauses abgestellt.

Jetzt ist es 8.23 Uhr, der erste Alarm geht ein. Der Gast, der an diesem Tag die Luftretter begleitet, schaffte es gerade noch, sich in einen signalfarbenen Overall zu zwängen, seinen Helm in Empfang zu nehmen. Dessen Ohrmuscheln und Mikrofon desinfizierte zuvor Notarzt Dr. Tobias Brüggemann. Denn Hygiene ist wichtig im Rettungseinsatz.

Fliegen auf Sicht

Zwei Minuten nach dem Alarm hebt der Hubschrauber vom Typ Eurocopter (EC) 135 T2i ab. Ziel ist Rhoden, dort wartet ein Patient mit Verdacht auf Schlaganfall. Es wird auf Sicht geflogen. Die Wolken hängen tief. Pilot Kaminski muss einige Schleifen um die Höhenzüge des Habichtswaldes fliegen. Die Baumspitzen scheinen zum Greifen nah. Es weht ein böiger Wind, der die Maschine schüttelt.

Der 43-Jährige an den Steuerknüppeln ist erfahren und kennt die Region im Umkreis von 50 Kilometern um Kassel, dem Haupteinsatzgebiet von Christoph 7, wie seine Westentasche. Seit 1992 Hubschrauberpilot, seit 2000 fliegt er den Christoph 7, ist verantwortlicher Pilot für das Luftrettungszentrum in der Rot-Kreuz-Klinik.

Ein Tag mit Christoph 7

Nach zwölf Minuten Flug setzt Kaminski den EC 135 auf dem Parkplatz vor der Stadthalle in Rhoden ab, dem vereinbarten Treffpunkt. Ein Rettungswagen samt Notarzt und Patient warten bereits. Brüggemann und Rettungsassistent Hans-Dieter Bohlander nehmen ein EKG-Gerät samt kleinem Monitor und einen Rucksack mit hinüber.

15 Kilo wiegt der, sagt später Bohlander. „Wir haben ihn etwas abgespeckt.“ Darin zum Beispiel das komplette Sortiment benötigter Medikamente und ergänzendes Material. „Es ist nicht alles im Rettungswagen vorhanden.“ Der 54-Jährige fliegt seit April 1980 im Christoph 7. Damit ist er neben seinem Kollegen Klaus-Peter Jäckel der Dienstälteste auf der Maschine. 5500 Einsätze dürften es für ihn inzwischen gewesen sein.

Video: Mit Christoph 7 in der Luft

Der Patient, ein Senior aus Dortmund, hatte bereits zwei Schlaganfälle. Jetzt klagt er über Kopfschmerzen und einen steifen Nacken. Auslöser könnte eine Blutung im Kopf sein, sagt Notarzt Brüggemann. Dem Wunsch des Rentners, der mit Medikamenten versorgt und ans EKG angeschlossen wird, kommt das Team nicht nach. Er wäre gern in seine Heimatstadt Dortmund geflogen worden. Stattdessen bringen ihn die Retter ins Kasseler Klinikum.

Heute fünf Einsätze

Zu fünf Einsätzen wird Christoph 7 an diesem Tag gerufen. Zwei bringen den Hubschrauber mit 48 Kilometer Luftlinie in den Grenzbereich des Hauptgebiets. Bedeutend für die Treibstoffmenge, die bis zur Grenze der Zuladung getankt werden darf. Dies sind an diesem Tag gut 200 Kilogramm Kerosin, die für eine Flugzeit von einer Stunde reichen. So muss zwischenzeitlich auf dem Flugplatz der Viessmann-Werke in Allendorf getankt werden, um zurück nach Kassel zu kommen und gleich wieder einsatzbereit zu sein. Ein 59-jähriger Landwirt war zuvor mit Schädel-Hirn-Trauma von Herbelhausen in die Uni-Klinik nach Marburg gebracht worden.

„Jeder Einsatz hat viel mit Improvisation zu tun“, sagt Brüggemann bei einer Tasse Kaffee im Luftrettungszentrum. Anders als im Krankenhaus habe man nicht alles dabei, könne während des Fluges nur eingeschränkt behandeln. „Man muss immer einen Plan B parat haben.“

Drei- bis fünfmal im Monat fliegt der Facharzt für Anästhesie im Christoph 7. Bei seinem vorherigen Dienst habe er um „drei Schwerstverletzte schwer kämpfen müssen, um sie lebend ins Krankenhaus zu bekommen“. Abends war er gerädert, aber „jeder Tag auf dem Hubschrauber ist erfüllend“, betont Brüggemann.

Auch weil man sich als Team gut versteht, nicht nur in einer Dreier-Besatzung. Das wird am Nachmittag deutlich, als Rettungsassistent Reiner Krapf Hans-Dieter Bohlander ablöst. Man kennt sich, kann sich aufeinander verlassen. Jeder weiß auch ohne große Worte, was er zu tun hat. Dabei wirkt alles unaufgeregt, abgeklärt, obwohl die Männer wissen, dass es mit jedem Einsatz um den Faktor Zeit geht.

Der 45-jährige Krapf hat „ein Faible fürs Fliegen“. Dies führte ihn Mitte der 90er-Jahre zum Team von Christoph 7. In dem ist er für die Hygiene zuständig. Eigentlich, sagt er, sei ein Hubschrauber nicht für einen Rettungsdienst geplant. Das Innere sei schlecht zu desinfizieren, „aggressive Mittel machen die empfindlichen Teile kaputt. Daher arbeiten wir mit einem Patientensack, der die Person weitgehend einschließt“, sagt Krapf.

Belasten die Erlebnisse? Ja, sagen alle Besatzungsmitglieder, besonders wenn Kinder betroffen sind. Dann wird miteinander geredet, um es zu verarbeiten. „Ich nehme nichts mit nach Hause, sonst könnte ich das nicht machen“, erklärt Notarzt und Familienvater Brüggemann. Der Luftrettung hat aber auch ihren Reiz: „Fliegen ist schön.“

Es ist 20.10 Uhr. Mit Sonnenuntergang meldet sich die Besatzung von Christoph 7 ab.

Von Michael Schräer

Video: Christoph 7: So werden Patienten transportiert

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