Bewährungsstrafe für Autofahrer

Richter: Russisch Roulette am Lenkrad

Niestetal / Kassel. Der 28-jährige Angeklagte war auf dem Heimweg. Wie er auf der Straße zwischen Niestetal-Heiligenrode und Staufenberg-Uschlag auf die linke Fahrspur geraten und mit einem Motorradfahrer zusammengestoßen war, daran konnte er sich am Freitag vor dem Kasseler Amtsgericht nicht erinnern.

Der Motorradfahrer starb an den Folgen, der 28-Jährige wurde als Verursacher des Unfalls nun zu einer Bewährungsstrafe verurteilt.

„Ich fahre die Strecke seit fünf Jahren jeden Tag“, sagte der Mann auf der Anklagebank. „Ich weiß, dass das Überholen auf dieser Strecke sehr gefährlich ist.“ Er habe an jenem frühen Abend im Juli vergangenen Jahres keine Termine gehabt, also keinesfalls unter Zeitdruck gestanden. Plötzlich habe er ein Fahrzeug vor sich gesehen, dann seien Glassplitter um ihn herum geflogen. „Mir ist nicht klar, wie es dazu gekommen ist.“ Er war, das steht fest, auf die Gegenfahrbahn geraten, das Motorrad krachte frontal auf seinen Wagen. Der 21-jährige Fahrer starb an seinen schweren Verletzungen. „Was passiert ist, tut mir leid, ich spreche der Familie mein tiefes Beileid aus“, sagte der Angeklagte, der noch sichtlich unter dem Eindruck des Erlebnisses steht.

Er war hinter einem Lkw hergefahren. Darin saß ein Fahrlehrer mit seinem Schüler. Der 56-jährige Lehrer erinnerte sich am Freitag als Zeuge, dass ihm der Motorradfahrer mit zum Victory-Zeichen gespreizten Fingern entgegenkam, er habe sich über den Gruß gewundert, weil er den Fahrer nicht kannte. Der sei „mit angemessener Geschwindigkeit“ unterwegs gewesen.

Er muss etwas zu schnell gefahren sein, um die 90 km/h auf einer Straße mit einer zulässigen Höchstgeschwindigkeit von 70 km/h, das ergab die Untersuchung des Sachverständigen Winfried Hagelstein. Doch selbst wenn er langsamer gefahren wäre und gebremst hätte, wäre ein Unfall nur schwer zu vermeiden gewesen, so die Einschätzung des Gutachters.

Ob der Angeklagte, der laut Gutachten im Tempolimit fuhr, lediglich ausgeschert war oder schon zum Überholen angesetzt hatte, das konnte der Sachverständige nicht feststellen. Auf jeden Fall sei er zunächst auf die linke Straßenseite gefahren und dann wieder in seine Spur zurückgekehrt. Fest steht für Hagelstein, „dass man auf dieser Strecke nicht gefahrlos überholen kann“. Dazu wäre eine Sichtweite von über hundert Metern nötig gewesen, der Angeklagte habe jedoch gerade 40 Meter schauen können.

Ein Ausscheren oder Überholen auf dieser kurvenreichen Strecke sei Russisch Roulette, hieß es in der Urteilsbegründung des Amtsgerichts. Es verurteilte den 28-Jährigen zu einer Freiheitsstrafe von neun Monaten, die zu drei Jahren auf Bewährung ausgesetzt werden. Außerdem darf er einen Monat lang nicht Auto fahren. Der schwere Unfall sei objektiv vorhersehbar und vermeidbar gewesen, und dass der Motorradfahrer etwas zu schnell gefahren sei, könne den Angeklagten nicht entlasten, er habe sich deshalb der fahrlässigen Tötung schuldig gemacht. (pas)

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.