Experte warnt vor voreiligen Schlüssen

St. Ottilien: Riss Luchs vier Schafe?

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Schrecklicher Anblick: Schafzüchter Horst Jakob kniet an drei Stück seiner vier getöteten Muffelwildtiere. Zu sehen sind das trächtige Mutterschaf (von links), ein junger Bock und ein einjähriges Muffeltier, dessen getöteter Zwilling in der Nacht auf Freitag noch einmal angefallen wurde.

Helsa. Erschütternder Fund im Helsaer Ortsteil St. Ottilien: Auf einer Talwiese unweit seines Wohnhauses entdeckte Horst Jakob am Donnerstag drei tote Schafe und ein schwer verletztes Muttertier. Der 73-jährige Muffelwild-Halter ist davon überzeugt, dass ein Luchs die Wildschafe gerissen hat.

Das verletzte Schaf musste der erfahrene Jäger erlegen, um dem trächtigen Tier weitere Qualen zu ersparen.

Während der Bergung der Schafe am Freitag folgte die nächste böse Überraschung: Eines der getöteten Schafe lag jetzt halb aufgefressen und verscharrt etwa 20 Meter oberhalb der eigentlichen Fundstelle. Enkelsohn Jannik (10), der die toten Schafe am Tag zuvor als erster entdeckt hatte, zeigte uns den eingegrabenen Kadaver und die überall herumliegenden Haare. „Das kann nur der Luchs gewesen sein“.

Zurückgekehrt: Seit einigen Jahren leben wieder Luchse in den Wäldern östlich von Kassel und ziehen dort auch Junge auf.

Wie die Tiere gefunden wurden, trage alles die typischen Merkmale eines oder mehrerer Luchse. Der Luchs reiße die Tiere, gehe ihnen an die Kehle und schneide sie von hinten auf, sagte der frühere Jagdvorsteher Rudi Heinemann, der zufällig am Ort des Geschehens war.

Horst Jakob, der sich am Waldrand in St. Ottilien ein Refugium mit viel Natur, Tieren und vier Fischteichen geschaffen hat, ist über die Ereignisse sehr traurig: „Ich habe in diesem Jahr durch den Luchs jetzt alle acht Schafe verloren“. Er wisse noch nicht, ob er wieder Schafe anschaffen werde, sagte der Hobbyzüchter. Den wirtschaftlichen Schaden bezifferte er mit mehr als 600 Euro einschließlich der Tierkörperbeseitigung.

Heftige Kritik übt Jakob an der Einbürgerung des Luchses. Der Luchs sei ohne Zweifel ein schönes Tier, gehöre aber nicht mehr in die heutige Zeit, „weil er ein Natur vernichtendes Tier ist mit einem Bedarf von allein 40 bis 50 Rehen ohne Kälber, Hasen und Frischlinge“, das sei nicht hinnehmbar, sagte Jakob.

Christian Peter Foet

Luchs-Experte Christian Peter Foet vom Forstamt Melsungen warnt unterdessen vor voreiligen Schlüssen. „Mit der Behauptung, dass es ein Luchs war, würde ich sehr vorsichtig sein“, sagte Foetam Freitag auf HNA-Anfrage. Gegenwärtig sei der Tisch für das Raubtier im Wald reich gedeckt. Als Beutetiere kämen zurzeit Tage vor allem Rehe, Hasen und Frischlinge infrage. An Schafe mache sich der Luchs eher in harten Wintern heran.

Foet hält es für möglich, dass in St. Ottilien ein Hund die Schafe gerissen hat. Er schildert in diesem Zusammenhang einen Fall, der sich in Söhrewald-Eiterhagen zugetragen hat. Dort habe ein Halter von Damwild ebenfalls behauptet, der Luchs habe eines seiner Tiere getötet. Die genetische Untersuchung von dort gefundenen Haaren haben allerdings ergeben, dass es ein Schäferhund gewesen sei.

In der Region sei ihm nur ein Fall bekannt, in dem ein Luchs erwiesenermaßen im Winter zwei Stück Damwild gerissen habe.

Von Hans-Peter Wohlgehagen und Peter Ketteritzsch

Archiv-Bilder: Der Luchs im Kaufunger Wald

Leserfotos: Luchsbegegnung im Kaufunger Wald

Archiv-Video: Luchs im Kaufunger Wald

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