Insektensterben 

Großes Krabbeln im Blick: Unterwegs mit einem Ameisenschützer aus Schauenburg

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Viel los auf der Fichte am Ameisenhügel: Klaus-Berndt Nickel, Geschäftsführer der Ameisenschutzwarte Hessen in Schauenburg, prüft regelmäßig, ob es den Tieren im Wald gut geht. 

Schauenburg/ Kreis Kassel. Das Insektensterben ist in aller Munde. Ameisen kommen weniger zur Sprache. Doch wie werden die Tiere eigentlich geschützt? Wir haben einen Ameisenschützer begleitet. 

Der Waldboden ist voller Bewegung, ein Knistern erfüllt die Luft. Ein paar Meter entfernt ist ein Ameisenhügel, auf den Klaus-Berndt Nickel zuläuft. Der Mann aus Schauenburg ist Ameisenschützer und Geschäftsführer und Landesvorsitzender der Ameisenschutzwarte in Hessen.

Am Schreibtisch hält ihn das aber nicht – Nickel macht regelmäßige Kontrollgänge im Habichtswald und prüft, ob es den Waldameisen in der Umgebung gut geht. Ein kurzer Blick auf den rund einen Meter hohen Hügel genügt: „Die Tiere sind schon sehr aktiv und scheinen fit zu sein“, sagt der 71-Jährige. Das liege an der Wärme, die gegen 9.30 Uhr am Morgen herrscht: wohlige 20 Grad Celsius.

Nickel schaut, ob die Behausung der Kahlrückigen Waldameisen nennenswerte Schäden aufweist, wie beispielsweise Löcher, die von Spechten verursacht wurden. „Die wären dann ungefähr armdick“, so der Naturschützer. Für Spechte sind Waldameisen eine wichtige Nahrungsquelle. Nichts zu sehen, auch Wildschweine scheinen dem Hügel kürzlich nicht zu nahe gekommen zu sein.

Hunderte Krabbler

Hunderte, wenn nicht tausende Krabbler laufen emsig auf einer umgestürzten Fichte entlang, an deren Wurzelteller sie ihren Bau errichtet haben. Ihr Ziel: Sie haben es auf Läuse abgesehen, die sie auf den Bäumen in der Umgebung finden. Die Läuse scheiden sogenannten Honigtau aus, das Hauptnahrungsmittel der Waldameisen. „Alles in Ordnung“, resümiert Nickel. Doch das ist nicht immer so. „Der größte Feind der Ameisen ist – wie so oft – der Mensch“, so der Pensionär. „Hügel werden teils von Waldarbeitern beim Holzrücken oder von Landwirten bei der Ernte beschädigt.“ Da fehle teils eine Sensibilität. Aber auch durch den Bau von Windrädern und Fernstraßen bestünde Gefahr für die Tiere. „Manchmal müssen wir spontan ausrücken und ein Volk notumsiedeln“, sagt der Mann aus Schauenburg. Schließlich seien die Tiere extrem wichtig für das Ökosystem: Sie sorgten dafür, dass Pflanzensamen im Wald verteilt werden, brächten Mineralien an die Oberfläche, die die Bodenqualität verbessen und dienten als Nahrungsmittel für Spechte.

Um jung und alt darauf hinzuweisen, wie wichtig die Tiere sind, leitet Nickel regelmäßig Führungen im Habichtswald. „Außerdem bilden wir gemeinsam mit der hessischen Naturschutz-Akademie in Wetzlar Ameisenheger aus, kartieren die Ameisenhügel und prüfen regelmäßig ihren Zustand.“ Zum Beispiel decken sie die Hügel mit Reisig ab, falls Spechte es über den Herbst und Winter zu stark auf die Tiere abgesehen haben. Mit der Kontrolle ist Klaus-Berndt Nickel zufrieden. Jetzt beginnt das große Abklopfen: Überall krabbelt es, hier und da ist auch die Ameisensäure zu spüren: „Ich hätte doch Paraffin oder etwas Öl für die Schuhe mitnehmen sollen, um die Tiere abzuhalten“, sagt Nickel und schmunzelt. Für den 71-Jährigen ist die Tour aber noch nicht vorbei. Er wird weitere Hügel unter die Lupe nehmen.

Zur Person: Klaus-Berndt Nickel (71) wuchs im Sauerland auf dem Land auf. Er arbeitete als Beamter im Personaldienst der Deutsche Bahn Netz AG. Zum Ameisenschutz kam er über einen Imkereilehrgang – seit 1985 setzt er sich für die Waldameisen ein. Den Vorsitz und die Geschäftsführung der hessischen Ameisenschutzwarte in Schauenburg – heute rund 270 Mitglieder – hat er seit 2003 inne. „Die Tiere zu schützen ist mein Hauptjob im Unruhestand geworden“, so der Pensionär. Nickel ist verheiratet und lebt mit seiner Frau in Schauenburg.

Führungen durch den Habichtswald: 

Gemeinsam mit dem Zweckverband Naturpark Habichtswald bietet Klaus-Berndt Nickel Führungen zu Waldameisenkolonien an. Laut der Ankündigung des Veranstalters ist es ein Ausflug für groß und klein zu einer Waldameisenkolonie. Ziel ist es, etwas über die Lebensweise, den Nutzen und die Bedeutung der hügelbauenden Ameisen für das Ökosystem Wald zu erfahren. Bei den Führungen legen die Teilnehmer zum Beispiel Zahnstocher in eine Reihe und gucken, wo die Hölzer zwei Stunden später sind. Der nächste Termin ist Samstag, 21. Juli, von 14 bis circa 17 Uhr. Treffpunkt: Kassel-Harleshausen, vor Gaststätte Erlenloch. Kosten: fünf Euro für Erwachsene, drei Euro pro Kind. 

Dieses Video ist ein Inhalt der Videoplattform Glomex und wurde nicht von der HNA erstellt.

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