"Das ist eine Sauerei" 

Krebskranke Frau aus Elgershausen entsetzt: Fahrt in Klinik wird nicht mehr erstattet

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Ist verzweifelt: Ingrid Müller (Name von der Redaktion geändert) blickt auf den Ablehnungsbescheid der Krankenkasse. Foto: Christopher Hess

Schauenburg. Regelmäßig muss eine krebskranke Frau aus Elgershausen im Kreis Kassel zu Therapien in eine Marburger Klinik fahren. Die Kosten für die Fahrten soll sie jetzt aus eigener Tasche zahlen. 

Ingrid Müller aus Elgershausen (Name von der Redaktion geändert) leidet an Krebs – und ist verzweifelt. Seit 2013 leidet sie an Bauchspeicheldrüsenkrebs. Sie hat neuroendokrine Tumore, die Leber und Bauchspeicheldrüse sind befallen, alle zwei Monate muss sie zu Therapien in die Universitätsklinik nach Marburg. Die Seniorin nimmt pro Krankenhausbesuch 160 Kilometer Autofahrt auf sich.

Bisher hat die Krankenkasse Fahrten zu Behandlungen immer übernommen, doch der letzte Antrag auf Erstattung wurde abgelehnt – trotz Verordnung ihres Arztes. Der Grund: Anders als bisher, ist sie zu derzeitigen Therapien nicht mehr mehrtägig im Krankenhaus und wird stationär behandelt.

Damit erfülle sie nicht mehr die Anforderungen – und muss die Fahrtkosten für die vergangene Fahrt im Juni in Höhe von 246 Euro aus eigener Tasche zahlen. Auch weitere Fahrten würden von der Krankenkasse nicht mehr übernommen. „Das ist eine Sauerei“, klagt die 69-Jährige und ergänzt: „Ich werde daran gehindert, lebenswichtige Therapien wahrzunehmen.“

Rente lässt Fahrten in Klinik nicht zu

Wegen ihrer Krankheit und Schwerbehinderung mit Merkzeichen G (Gehbehinderung) ist sie zu 100 Prozent behindert, im Alltag stark eingeschränkt und selbst nicht mobil. Ein Fahrdienst fährt sie zu Untersuchungen ins Krankenhaus – schon seit Jahren. Von ihrer Grundrente kann sie sich die regelmäßig anstehenden Fahrten ins Krankenhaus nicht leisten.

Wie sie zu ihrem nächsten Behandlungstermin in zwei Wochen nach Marburg kommen soll, weiß die Rentnerin nicht. „Mir wurde sogar gesagt, ich solle mir doch ein Taxi nehmen.“

Ihre Versicherung, die BKK Herkules, handelt nach den gesetzlichen Verordnungen des Sozialgesetzbuchs, erklärt Marcel Kusterer, Teamleiter der Krankenkasse. Kosten für Krankenfahrten werden demnach nur übernommen, wenn eine zwingende medizinische Notwendigkeit vorliegt, der Patient einen Schwerbehindertenausweis mit dem Kennzeichen aG (außergewöhnlich gehbehindert) besitzt, blind ist oder eine Einstufung in den Pflegegrad 3, 4 oder 5 vorliegt, heißt es nach Paragraf 30 des Sozialgesetzbuchs. Außerdem werden die Fahrten im Fall einer Chemo- oder Strahlentherapie bezahlt.

Bedingungen nicht erfüllt

Auch bei einer Grunderkrankung, die bestimmte Therapiemaßnahmen mit hoher Frequenz erfordert, werden die Kosten übernommen. Nicht aber im Fall der krebskranken Müller, sie ist nur in Pflegestufe 2 eingestuft. „Es gibt da kein vielleicht, die Vorgaben wurden in diesem Fall leider nicht erfüllt, wir können da nichts tun“, so Kusterer.

Die Kassenärztliche Vereinigung konnte sich nicht zu dem Fall der Rentnerin äußern, genauso der Verband der Ersatzkassen (vdek), es falle nicht unter ihre Zuständigkeit. Der Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) verweist ebenfalls auf die Anforderungen, die Müller trotz ihrer Erkrankung nicht erfülle.

Neben Fahrten in die Marburger Klinik muss die Rentnerin einmal im Monat zur Chemotherapie in das Klinikum Kassel. Dorthin fährt sie ihre Tochter. Die Fahrten nach Marburg könne die 33-Jährige aber nicht auch noch übernehmen.

Müller weiß nun nicht mehr weiter. „Ich möchte noch ein bisschen leben und mich nicht mit Behörden herumschlagen“, sagt sie und wirkt verzweifelt. „Ich erwarte einfach Hilfe.“ Schließlich sei sie schwer krank. Als nächstes plane sie gerichtliche Schritte einzuleiten. „Ich möchte auch auf das Thema aufmerksam machen, das kann so einfach nicht sein.“

Die Abkürzungen im Behindertenausweis

Im Schwerbehindertenausweis werden unterschiedliche Buchstabenkürzel, sogenannte Merkzeichen eingetragen. Was bedeuten sie im Einzelnen? 

- Merkzeichen G - Erheblich beeinträchtigt in der Bewegungsfähigkeit: Der Schwerbehinderte ist in seiner Bewegungsfähigkeit im Straßenverkehr erheblich beeinträchtigt, es wird auch von „Gehbehindert“ gesprochen

- Merkzeichen aG - Außergewöhnliche Gehbehinderung: Menschen mit dem Merkzeichen aG können sich wegen der Schwere ihrer Beeinträchtigung nur mit fremder Hilfe oder großer Anstrengung außerhalb ihres Kraftfahrzeuges bewegen

- Merkzeichen H - Hilflosigkeit: Hilflos sind nach Sozialgesetzbuch diejenigen, die infolge ihrer Gesundheitsstörung im Alltag dauerhaft auf fremde Hilfe angewiesen sind

- Merkzeichen Bl - Blindheit: Darunter fallen Menschen, denen das Augenlicht vollständig fehlt oder deren Sehschärfe auf keinem Auge mehr als 0,002 beträgt

- Merkzeichen Gl - Gehörlos: Unter das Merkzeichen fallen Hörbehinderte, bei denen Taubheit vorliegt und Menschen, die an schweren Sprachstörungen leiden.

Quelle: Sozialverband vdk 

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