Einkaufen war nach dem Krieg oft eine langwierige Sache – Begehrte Himbeerbonbons

Schlange stehen fürs Brot

Das Kaufhaus Schminke in Großenritte: Am Dorfplatz bietet es bis heute seine Waren feil, natürlich hat sich das Äußere im Laufe der Jahrzehnte geändert. Fotos: Sammlung Ahrend/nh

Baunatal. Gleich nach dem Kriegsende wurde in der Niedensteiner Straße in Großenritte eine Molkereistelle eingerichtet. Dort gab es Milch und manchmal auch Molkereiprodukte zu kaufen. Schnell bildeten sich lange Schlangen, wenn der große Milchlieferwagen zu sehen war.

Die Verkäuferin fuhr behende mit einer Schöpfkelle in die große Milchkanne hinein, um das köstliche Nass in die bereitgehaltenen Gefäße oder Kannen zu füllen. Wie gern hätte ich zum Milchverkauf-Spielen eine solche Schöpfkelle besessen, denn der Suppenschöpflöffel meiner Mutter war längst nicht so schön!

Das Schlangestehen war auch beim Bäcker nicht zu umgehen. Ich kann nicht zählen, wie oft ich in der Mittelstraße vor der Bäckerei nach Brot angestanden habe. Eines Tages musste ich bei hochsommerlichen Temperaturen wieder beim Brotkauf anstehen. Zwei Stunden waren vergangen, bis ich endlich an der Treppe angelangt war, die in den Bäckerladen führte.

Da öffnete sich wieder die Ladentür, denn die Leute wurden immer nur schubweise hereingelassen, und heraus trat der Bäckermeister mit seinem gezwirbelten Schnurrbart. Er holte tief Luft und sprach dann: „Das Brot ist alle, Leute, kommt morgen wieder!“

Am anderen Tag begann das

gleiche Rennen, Anstehen, Warten auf das tägliche Brot und auf andere Lebensmittel. Kann man da verstehen, dass ich noch heute nach 60 Jahren das Schlangestehen nicht mag?

Eine Kühle, die ich nicht so sehr schätzte, umgab mich stets beim Einkauf von Wurst- und Fleischwaren in der Metzgerei, die gleich neben der Bäckerei zu finden war. Gering waren zur damaligen Zeit das Angebot und die Auswahl an Wurst und Fleisch im Vergleich zu heute. Das Auswählen fiel nicht schwer. Man war froh, überhaupt etwas zu bekommen.

Bei unserem Kaufmann beeindruckte mich ein Schild an der Ladentür mit dem Text: „Sind Sie zufrieden, sagen Sie es anderen, sind Sie es nicht, bitte sagen Sie es mir!“

Als Kind konnte ich mir nicht vorstellen, dass die Regale in einem Kaufmannsladen mit Waren vollgepackt sind und ich alles, was mein kleines Herz begehrte, hätte kaufen können. Das war damals für mich genauso unvorstellbar, wie es sich die Kinder heute nicht vorstellen können, wenn in den Läden die Regale fast leer wären.

An Süßigkeiten gab es nur rote Himbeerbonbons gegen Abgabe von Zuckermarken zu kaufen. Wenn Mutter einmal nicht im Haus war, stellten wir Geschwister Butterbonbons in der Pfanne selbst her. Sie waren keineswegs gut gelungen, aber trotzdem köstlich!

Zucker, Mehl, Salz, Speiseöl und noch viele andere Lebensmittel wurden nur lose verkauft. Das bedeutete, dass jeder Käufer Taschen, Stoffbeutel, Leinensäckchen, Papiertüten, Flaschen oder Dosen zum Einkaufen mitbringen musste, um die Lebensmittel heimtragen zu können. Zu jener Zeit knüpfte man aus Pressseil sehr haltbare Einkaufstaschen. (nh) http://regiowiki. hna.de/Adam_Ritze

Von Ria Ahrend

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