Schuldnerberatung des Landkreises: Hilfe aus der Pleite

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Verbraucher-Insolvenzen im Landkreis Kassel 2000 bis 2009

Kreis Kassel. Wolfgang K. (Name geändert) ist Facharbeiter und Vater von zwei Kindern. Es schien, als hätte der 45-Jährige erreicht, was er sich vom Leben erhofft hatte: eine Familie, ein eigenes Haus, einen sicheren Job. Doch dann begann es vor zwei Jahren in seiner Ehe zu kriseln.

Vor einem Jahr zog seine Frau mit den Kindern aus dem gemeinsamen Haus in einer Gemeinde im östlichen Altkreis aus.

Während seine Stimmung immer tiefer sackte, stiegen seine finanziellen Belastungen deutlich. Wolfgang K. muss jetzt Unterhalt für die beiden Kinder zahlen. Doch mit Zinsen und Abtrag für das gemeinsame Haus und weiteren Krediten für die Wohnungseinrichtung sowie das beruflich benötigte Auto bleibt ihm plötzlich nichts mehr zum Leben übrig. Nun drohen Lohnpfändungen beim Arbeitgeber und die Zwangsversteigerung des Hauses.

Wolfgang K. ist verzweifelt, sein Konto ist notorisch überzogen, er sucht Hilfe. Eine Kollegin erzählte ihm von der Schuldnerberatung des Landkreises. Dort hat er sich nach langem Zögern einen Termin geben lassen.

Existenz sichern an erster Stelle

Die Beraterin geht mit ihm die Möglichkeiten und Notwendigkeiten durch. Ihr Motto: Das Wichtigste zuerst bedienen. Um die Existenz zu sichern, müssen auf jeden Fall Hauskosten, Strom und Auto (Erhalt des Arbeitsplatzes) bezahlt werden, dann kommt der Unterhalt für die Kinder. Andere Zahlungen müssen erst mal eingestellt werden.

Wenn finanziell nichts mehr geht, droht dem Schuldner der Besuch des Gerichtsvollziehers. Der klebt Pfandsiegel auf große Wertgegenstände, die er nicht mitnehmen kann. Das amtliche Siegel war früher mit dem Wappenadler versehen, daher wird es auch heute noch spöttisch als „Kuckuck“ bezeichnet.

Die Beraterin informiert ihn über das Zwangsvollstreckungsrecht und die Schutzvorschriften für Schuldner. Wie kann Wolfgang K. auf eine Pfändung seines Girokontos reagieren? Soll er eine eidesstattliche Versicherung abgeben? Wie soll er sich verhalten, wenn der Gerichtsvollzieher kommt, um das Pfandsiegel auf den Flachbildfernseher zu kleben?

Allein hätte er es nicht geschafft, sich diesen Themen zu stellen. Doch die Expertin an seiner Seite führt dazu, dass sich auch seine psychische Situation entspannt.

In weiteren Gesprächen gehen sie die Möglichkeiten durch, einen außergerichtlichen Vergleich mit einem Möbelhaus und einem Elektronikmarkt zu finden. In der Regel versuche man, eine Verbraucherinsolvenz zu vermeiden, indem man einen Ausgleich zwischen Schuldner und Gläubigern erreicht, sagt Kreissprecher Harald Kühlborn. Trotzdem leisten pro Jahr etwa 235 Schuldner (2009) den Offenbarungseid.

Die Schuldnerberatung ist zeitintensiv. Ein Einzelgespräch dauert eine Stunde; doch in den meisten Fällen ist es damit längst nicht getan, manche Schuldner werden über Jahre begleitet.

Sechs Mitarbeiter sind in der Kasseler Beratungsstelle tätig, die Wartezeit beträgt zurzeit vier Monate. Eine Ausweitung der Stellen wäre aus Sicht des Kreises zwar nötig, sei aber nicht finanzierbar und würde von der Aufsichtsbehörde auch nicht genehmigt.

Den Landkreis kostet die Schuldnerberatung 137 000 Euro pro Jahr.

631 Schuldner suchten Beratung

Die Schuldnerberatung des Landkreises wurde im Jahr 2009 von 606 Hilfesuchenden genutzt, 313 davon waren Frauen, 293 Männer. Die Zahl liegt auf hohem Niveau und steigt weiter leicht an: 2010 wurden bereits 631 Personen beraten.

Die meisten Schuldner, die zur Beratung kamen, waren zwischen 40 und 50 Jahre alt (etwa ein Drittel), gefolgt von der Altersgruppe zwischen 30 und 40 Jahren und der Altersgruppe zwischen 50 und 60 Jahren.

Beratung ist kostenlos

Die Schuldnerberatung des Landkreises befindet sich im Südflügel des Kulturbahnhofs Kassel, Rainer-Dierichs-Platz 1, Anmeldung ist unter Tel. 1003-1397 bei Ina Reubert möglich.

Bedient werden die Altkreise Kassel und Wolfhagen. Für den Altkreis Hofgeismar ist das Diakonische Werk zuständig.

Von Holger Schindler

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