Horst Heinemann und andere Bürger vermissen Vögel: Amselsterben denkbarer Grund

Das Schweigen im Garten

Diesmal eine reiche Traubenernte: Der Fuldataler Horst Heinemann wundert sich, dass die Amseln dieses Jahr nicht an seinen Reben naschen. Foto: Dilling

Fuldatal/Schauenburg. Der weitläufige Garten von Dr. Horst Heinemann in Ihringshausen ist ein Idyll. Dunkelblau leuchten die Weinreben, am schön eingewachsenen Teich murmelt ein Quell. In den Bäumen rauscht der Wind.

Aber halt: Fehlt da nicht etwas? Es ist seltsam still im Garten des Professors. „Es gibt seit Monaten kein Vogelgezwitscher, es herrscht Friedhofsruhe“, sagt der 70-jährige Theologe, der auch nach seiner Emeritierung an der Uni Kassel noch Seminare gibt.

Heinemann vermisst die Bachstelzen, die sich in seinem großen Schwimmbecken sonst abkühlten, die sich streitenden Spatzen am Teich und vor allem die Amseln. In den vergangenen Jahren habe er seine Weinreben immer mit Netzen gegen die gefräßigen gefiederten Feinschmecker verteidigen müssen. Auch in den Nachbargärten vermisst der Professor die Vögel. Von seinem Balkon hat er einen guten Blick über das Wohnquartier. Im Winter seien die Piepmätze noch zahlreich zu seinen Futterhäuschen gekommen, sagt Heinemann.

Er hat einen befreundeten Vogelexperten angerufen und nach dessen Meinung gefragt. Der habe gemutmaßt, dass Waschbären die Jungvögel dezimiert haben könnten. Gesehen hat Heinemann allerdings noch keinen. Diese Pelztiere täten sich aber nachts an seiner Mülltonne gütlich, wenn er vergesse, sie abzusperren.

Peter Lorenz vom Kreisverband Kassel des Naturschutzbunds Deutschland (Nabu) hält diese Theorie für unwahrscheinlich. Waschbären könnten zwar einzelne Vogelnester ausrauben, aber wenn der Tisch der Natur so gut wie jetzt gedeckt sei, täten die sich lieber an Früchten gütlich. Lorenz hält es aber für denkbar, dass das vor allem in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz grassierende Amselsterben ein Grund für die Stille in Heinemanns Garten ist. Unter Verdacht steht dabei das aus Afrika eingeschleppte Usutu- Virus. Auch Hessen sei betroffen, sagt Lorenz.

Das Verschwinden der Bachstelzen sei normal, meint der Experte. Die seien schon auf dem Weg in den Süden. Das Ausbleiben der Spatzen habe wohl einen anderen Grund. Die Zahl dieser Vögel gehe seit Jahren zurück, weil sie in Scheunen, Kirchtürmen und Häusergiebeln immer weniger Nistplätze finden, sagt Lorenz.

Das Amselsterben hat auch der Schauenburger Vogelschutzbeauftragte Ludwig Fingerling wahrgenommen. In Elgershausen, so sagt er, seien zwei tote Amseln ohne Verletzungen gefunden worden. Fingerling rät: Die Kadaver nicht anfassen, vorsichtig in eine Plastiktüte befördern und dem Veterinäramt an der Kasseler Druseltalstraße zur Untersuchungen vorbeibringen (pdi/nh, ing) Archivfoto: Jünemann HINTERGRUND

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