Nach dem Krieg war Hamstern auf den Äckern angesagt – Tabak aus dem Garten

Schwein mit drei Beinen

Kartoffelernte in alten Zeiten. Auf dem Feld bei Großenritte füllen Lisbeth Lange (von links), Annchen Landau, Gustchen Schenk, Minna Koch, Mutter unserer Autorin Ria Ahrend, und Elise Herz ihre Körbe.

Baunatal. Die Nachkriegszeit brachte für die Landbevölkerung auch Entbehrungen mit sich, doch die Stadtbewohner hatten noch viel weniger zu essen und wurden oft nicht satt. Nun setzte das große Hamstern ein. Die Züge, die vereinzelt wieder in das Umland von Kassel fuhren, waren proppenvoll. Jeder Acker wurde nach der Ernte von den Eigentümern gründlich abgelesen. Dennoch fand sich die Stadtbevölkerung auf den Äckern ein, um sie nochmals nach Ähren und Kartoffeln abzusuchen.

Nicht selten wurden kostbare Sachen wie Schmuck, Uhren, Teppiche oder Großmutters wertvolles Geschirr auf dem Lande gegen Essbares eingetauscht. Zigarren und Zigaretten, die rationiert waren und die es nur in kleinen Mengen zu kaufen gab, wurden auch auf dem Tauschwege beschafft.

Marke Eigenbau

In den Gärten der damaligen Zeit konnte man große Tabakpflanzen bestaunen, aus deren getrockneten Blättern mit einer selbstgebastelten Schneidemaschine der so genannte Krüllschnitt entstand. Noch heute lachen wir über Vaters Tabakschneidemaschine, doch die Not machte auch damals erfinderisch. Der „Duft der großen, weiten Welt“ war der Tabakqualm allerdings nicht.

Schnapsbrennen und Likörherstellung jedweder Art waren untersagt, doch die Bevölkerung ließ sich allerlei einfallen, um diese Vorschrift zu umgehen. Einige Wachleute standen auf Posten und meldeten sich sofort, falls etwas Verdächtiges zu bemerken war.

Außerdem hatten ganz Pfiffige die Fußmatten leicht mit Petroleum besprüht, damit der süßliche Duft der Zuckerrüben, die für die Schnapsherstellung gekocht werden mussten, und der Alkohol nicht zu riechen waren.

Wir schlachteten jedes Jahr, kurz vor dem Weihnachtsfest, ein selbst gefüttertes Schwein. Fleisch und Wurst wurden sorgsam aufbewahrt und eingeteilt. Rippchen wurden angebraten und in Gläsern und Dosen eingekocht.

Die Beine und andere Fleischteile des Schweines wurden eingepökelt in einem großen Faß, das in einer Stube außerhalb unserer Wohnung aufgestellt war. Das Fleisch wurde des öfteren mit der Salzlake begossen.

Eines Tages stellten wir mit Schrecken fest, daß unser liebes Schwein nur drei Beine gehabt haben musste! Das vierte Bein war und blieb verschwunden.

Sauerkraut erbettelt

Doch dummerweise hatte eine Mitbewohnerin des Hauses bei unseren Nachbarn eine Portion Sauerkraut mit der Bemerkung erbettelt, meine Mutter hätte ihnen ein Stück Pökelfleisch geschenkt. Das Rätsel vom dreibeinigen Schwein war somit für uns gelöst. http://regiowiki.hna.de/ Adam_Ritze

Von Ria ahrend

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