Georg Häusler hat Chronik über den Kaufunger Ortsteil Papierfabrik geschrieben – Geschichte selbst erlebt

Siedler lebten in Gartenlauben

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Chronist und Zeitzeuge: Georg Häusling hat die Entwicklung des Ortsteils Papierfabrik hautnah miterlebt. Von seinem Haus im Oberen Käseweg hat er einen guten Überblick über die Wohnsiedlung und das Gewerbegebiet (im Hintergrund).

Kaufungen. Die Ortsgeschichte spannend dokumentiert und aufbereitet, das hat Georg Häusling in seiner Chronik über den Kaufunger Ortsteil Papierfabrik. Sein 304 Seiten starkes Buch zeichnet die Entwicklung lebendig nach.

Not macht erfinderisch: Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs holten sich die Bewohner des späteren Kaufunger Ortsteils Papierfabrik die nun nutzlosen Telegrafenmasten der Flak-Abwehrstellungen, um daran die Stromkabel aufzuhängen. Sie karrten den Schutt aus dem zerbombten Kassel heran, um sich feste Behausungen zu errichten. Denn bis dahin gab es zwischen Leipziger Straße und Käseweg fast nur Gartenland und Gartenlauben, in denen viele ausgebombte Kasseler schon während des Kriegs mit ihren Familien Zuflucht suchten.

Nur 68 Familien

So beschreibt Georg Häusling die schwierigen Anfänge der Siedlung Papierfabrik, in der kurz nach dem Krieg 68 Familien und heute mehr als 900 Bürger wohnen. Der 64-jährige Vorsitzende des örtlichen Bürgervereins hat die Gründerzeit als kleiner Junge, der am Käseweg aufgewachsen ist und noch heute dort wohnt, miterlebt und die Geschichte des Ortsteils jetzt in einer umfassenden Chronik spannend nachgezeichnet.

Es ist aus Häuslings Sicht auch eine Geschichte über selbstbewusste Bürger, die für ihre Interessen anzupacken wussten und sich gegen Widerstände durchsetzten. Erfolgreich wehrten sie laut Häusling behördliche Aufforderungen ab, ihre zunächst „wild gebauten“ Häuser wieder abzureißen.

Mutter mit Handspaten

Und Häusling hat noch gut in Erinnerung, wie seine Mutter Anfang der 1950er-Jahre mit einem Handspaten beim Ausheben des Grabens für eine Wasserleitung mitarbeitete. Häusler lässt außerdem eine Reihe von Zeitzeugen in seiner Chronik zu Wort kommen. Außerdem ist er in einer Reihe von Archiven fündig geworden.

Ungeliebter Anschluss

Triebfeder beim Aufbau nach dem Krieg sei vor allem der Bürgerverein gewesen, sagt der gelernte Schreiner und Lehrer Häusling, den viele Kollegen von der Walter-Hecker-Schule in Kassel bei der Illustrierung der Chronik unterstützt haben.

Vogelperspektive: Die Aufnahme aus dem Jahr 1956 zeigt die Firma Ponndorf in Papierfabrik, umgeben von einigen Wohnhäusern. Repro: HNA

Nur mit seiner Forderung nach Eigenständigkeit für den Ortsteil sei der Verein nicht durchgedrungen, berichtet er. Der dann erfolgte Anschluss an Niederkaufungen sei ungeliebt gewesen, sagt der Autor, weil dieses Dorf damals nur über eine schlechte Straße erreichbar gewesen sei.

In vielen Details beschreibt Häusling die industrielle Entwicklung des späteren Ortsteils, die schon über 100 Jahre früher entlang der Leipziger Straße begann. Die Gründung der Papierfabrik sei dabei 1937 die „Keimzelle der Industrialisierung“ gewesen, sagt der Kaufunger.

Andere Betriebe folgten. Unternehmen wie der Maschinenbauer Ponndorf sind noch heute dort ansässig. Damals habe die gute Anbindung an das Eisenbahnnetz den wirtschaftlichen Aufschwung befördert. Heute sei Papierfabrik „der Mittelpunkt der Welt“, sagt Häusling und meint damit den Anschluss an die Autobahn und die gute Tramverbindung nach Kassel. Georg Häusler, Papierfabrik. Chronik eines Ortsteils, herausgegeben vom Bürgerverein Papierfabrik, 304 Seiten, 25 Euro. Erhältlich bei der Kreissparkasse Kaufungen, der Gemeindeverwaltung Kaufungen, der Kasseler Sparkasse (Filiale Forstbachweg), im Geschäft Kellner (Oberkaufungen) und beim Bürgerverein.

Von Peter Dilling

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