Experten liefern neue Daten

Zerstörung des Riesen-Windrads: Der Blitz kam von unten

Söhrewald. Das bei einem Gewitter am 3. Januar beschädigte Windrad in der Söhre wurde von einem sogenannten Aufwärtsblitz getroffen. Dabei fließt der Strom vom Boden in die Höhe. Das geht aus Daten der Blitzortung hervor, die bundesweit alle Blitze aufzeichnet.

Das vom Blitz zerstörte Windrad in der Söhre beschäftigt nun die Gutachter. Hersteller Vestas und die Städtischen Werke als Betreiber haben je ein Gutachten in Auftrag gegeben. Wann sie vorliegen, stehe noch nicht fest, sagte Werke-Sprecher Ingo Pijanka auf Nachfrage der HNA. Man werde kommende Woche nach Brandenburg fahren, wo sich das defekte Rotorblatt zur Untersuchung befindet. Das vom Blitz getroffene Windrad in der Söhre sei jetzt repariert und seit Mittwochnachmittag wieder am Netz.

„Es war zweifellos ein Jahrhundertblitz“, meint Elektroingenieur Wolfgang Dünkel, Sprecher des Verbands Deutscher Elektroingenieure (VDE) - nicht wegen der Stromstärke, sondern wegen der starken umgesetzten Energie.

Bundesweite Blitzortung

Der Baunataler erlebte das heftige Gewitter am Abend des 3. Januar zu Hause mit. Nur einige Kilometer entfernt gab es innerhalb von einer Minute drei Blitze in der Söhre. Einer davon zerstörte einen Rotorflügel eines erst kurz zuvor aufgebauten Windrads im Windpark Söhrewald/Niestetal. Die 196 Meter hohen Anlagen sind zwar mit einem Blitzschutz ausgerüstet, doch der versagte an diesem Abend offensichtlich.

Durch die bundesweite Blitzortung der Firma Siemens (www.blids.de), die für Fachleute einsehbar ist, kann man Gewitter klar nachvollziehen und mit einer Genauigkeit von 200 Meter zuordnen.

Danach gab es am 3. Januar um 22:49:44 Uhr einen Blitz der Stromstärke 4,6 Kiloampere (kA) von einer Wolke zu einer anderen Wolke über der Söhre. Eine knappe Minute später krachte es innerhalb einer Sekunde gleich zweimal: um 22:50:31 Uhr wurde ein Blitz von Wolke zu Wolke mit 11,3 kA verzeichnet. Fast zeitgleich entlud sich ein sogenannter Aufwärtsblitz mit einer Stärke von 27,7 kA. Dabei fließt der Strom vom Boden in den Himmel. Er krachte in einen Flügel und sprengte drei Meter lang die Spitze ab.

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„Aufwärtsblitze sind bedeutend seltener“, sagte Prof. Albert Claudi, Fachmann für Hochspannungstechnik am Fachbereich Elektrotechnik der Uni Kassel, der HNA. Die Stromstärke des zerstörerischen Blitzes sei nicht besonders groß gewesen. „Der Mittelwert für Nordhessen liegt bei 15 bis 25 Kiloampere“, sagt er.

Zum Vergleich: Der Blitz, bei dem im Juni 2012 auf dem Golfplatz bei Waldeck vier Frauen in einer Schutzhütte getötet wurden, war mit über 100 kA etwa viermal so stark.

Doch neben der Stromstärke spielt laut Prof. Claudi die Dauer eines Blitzes eine große Rolle. Angesichts des Schadens gehe er davon aus, dass die elektrische Ladung sehr hoch gewesen sein müsse.

Für den Blitzschutz an Windanlagen gebe es genaue Normen. „Wenn er vernünftig aufgebaut ist, ist das Rad geschützt“, so Claudi. Bei einer sehr hohen Energieübertragung könnten aber Schäden entstehen. Dies nehme man als sehr seltenes Restrisiko in Kauf.

Es könne aber auch sein, dass der Blitzschutz in dem Flügel nicht richtig verbaut worden sei, sodass es eine Unterbrechung in dem metallischen Leiter gab. „Ein versierter Gutachter kann gut abschätzen, was da passiert ist, ob das Pfusch am Bau war“, meint Prof. Claudi.

Abschaltautomatik löste nicht aus, der Rotor drehte stundenlang weiter

Nach dem Blitzschlag, der ein drei Meter langes Stück eines Rotorblatts absprengte, drehte sich das beschädigte Windrad noch stundenlang weiter. Erst nach Hinweisen von Anwohnern, die sich über die ungewöhnlichen Geräusche wunderten und die Städtischen Werke verständigten, wurde es manuell abgeschaltet.

Die installierte Abschaltautomatik hatte nicht ausgelöst. Das sei in der Einfahrphase einer neuen Anlage nichts Ungewöhnliches, meint VDE-Sprecher Wolfgang Dünkel. Denn die Empfindlichkeit des Auslösemechanismus müsse je nach den Bedingungen erst realitätsnah eingestellt werden. „Da muss man sich mitunter in Wochen und Monaten rantasten“, sagte Dünkel.

Die Abschaltautomatik soll Schäden durch Unwucht am Rotorlager verhindern. Daher wird durch Sensoren das Gewicht der Rotorflügel ständig überwacht. Nimmt es ab, etwa durch den Verlust eines Flügelteils, dann soll sich die Anlage abschalten. Ebenso bei einer Zunahme des Gewichts, etwa durch Eisbildung am Flügel.

Unterschiedliche Konzepte beim Blitzschutz

Die Hersteller verfolgen unterschiedliche Konzepte, um Windräder vor Blitzen zu schützen. Sie reichen von einer umlaufenden Metallkante an den Flügeln über ein metallisches Gitternetz bis zu einzelnen Rezeptoren, die den Blitz einfangen sollen.

Die sicherste Lösung – eine metallische Umhüllung des Rotors – ist aus Gewichtsgründen nicht machbar. Bei den Windrädern in der Söhre des Herstellers Vestas sind die 56 Meter langen Kunststoffflügel mit acht Rezeptoren bestückt.

Die Metallstäbe sind in mehreren Metern Abstand auf der Außenhaut angebracht und sollen den Blitz anziehen. Der Strom wird ins Innere des Flügels geleitet, wo er über einen metallischen Leiter zum Rotor geführt wird. Von dort wird er in den Boden abgeleitet. (hog)

Von Holger Schindler

Windpark in der Söhre

Windpark in der Söhre

Rubriklistenbild: © Schachtschneider

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