Behindertenvertretung bei VW betreut 2000 Menschen – 840 Mitarbeiter mehr als 50 Prozent eingeschränkt

Spezielle Hilfe am Arbeitsplatz

Individuell auf ihn abgestimmt: Holger Lampe, der nach und nach erblindete, an seinem Arbeitsplatz in der Getriebe-Produktion bei VW in Baunatal. Jeder Schritt und Handgriff ist genau fixiert, damit der 48-jährige Homberger zurecht kommt. Fotos: Jünemann

Baunatal. Holger Lampe arbeitet seit 26 Jahren bei VW in Baunatal. Doch vor drei Jahren drohte das Ende, der Mann aus Homberg-Dickershausen war nach und nach erblindet – Retinitis pigmentosa, kurz RP, eine Augenkrankheit. Dass der 48-Jährige dennoch an einer Maschine steht und Synchronringe für den Rückwärtsgang des MQ-350-Getriebes montiert, daran hat die Schwerbehindertenvertretung im Werk ihren Anteil.

Als Vertrauensperson an der Spitze dieses Gremiums steht – nach Neuwahlen im November – Jörg Ebert (43) aus Edermünde-Besse. Er folgte auf Karl-Heinz Arndt, der seit 2005 für die Aufgabe freigestellt war und schon seit 1996 als Stellvertreter mitarbeitete. Der 58-Jährige aus Gudensberg, seit 1986 bei VW, geht Ende Februar in Ruhestand.

Vertrauenspersonen für Schwerbehinderte sind keine Spezialität von Volkswagen – doch hier, bei 14 000 Mitarbeitern am Standort, ist die Größenordnung eine besondere. 840 Mitarbeiter gelten als schwerbehindert,weil sie ihre Behinderung zu mehr als 50 Prozent einschränkt, und genießen besonderen Kündigungsschutz.

2000 Personen wurde eine Behinderung ab 30 Prozent, die niedrigste Stufe, attestiert. Die Zahl schwankt naturgemäß, jeden Tag kann ein Fall hinzukommen. Wobei, wie Ebert sagt, psychische Probleme stark zunehmen. Was für die Vertrauenspersonen manchmal lediglich heißt: Kollegen zuhören. Arndt: „Wenn die nicht mehr weiterwissen, kommen die zu uns.“

Fünf Prozent Schwerbehinderte muss VW laut Gesetz beschäftigen, mit 840 Mitarbeitern – sechs Prozent – liegt der Konzern in Baunatal über dem Soll. 100 Prozent Behinderung gebe es zwar kaum noch, doch betont Ebert: „100 Prozent heißt nicht automatisch, dass keine 100 Prozent Arbeitsleistung erbracht werden.“

Das Beispiel von Holger Lampe zeigt: Genau festgelegte Arbeitsschritte, exakte Anordnung des Materials, eine Lichtschranke, die verhindert, dass er in die laufende Maschine greift, ermöglichen die Tätigkeit. „Mit starker Unterstützung des Arbeitgebers“, so Ebert, und mit Hilfe der Deutschen Rentenversicherung entstand der spezielle Arbeitsplatz. Lampe hat zudem ein Mobilitätstraining absolviert.

Mit Rentenversicherung, Versorgungsamt, Landeswohlfahrtsverband Kontakt aufnehmen, Anträge stellen, mit dem Arbeitgeber verhandeln, an den Werksarzt vermitteln, mit dem Vorgesetzten sprechen. Das ist Alltagsarbeit in der Schwerbehindertenvertretung. Tätigkeit im Sitzen, ein spezieller Stuhl, ein geeigneter Tisch, Hebehilfen können das Ergebnis sein. „Wir sind Vorarbeiter für die Behörden“, sagt Ebert. Wobei die Zusammenarbeit gut sei.

Holger Lampe, der nur noch Hell-dunkel-Unterschiede und schwache Umrisse wahrnimmt, hat davon profitiert. Stolz erklärt er seine Arbeit für das MQ-350-Getriebe, das unter anderem in Golf GTI und Passat eingebaut wird.

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