Nach dem Krieg gab es kaum Spielzeug: Der Bauernhof war Terrain für viele Abenteuer

Spielen mit den Lämmchen

Das machte Spaß: Spielen mit den Ziegenlämmchen. #Die Großenritter Mädchen Elisabeth Koch (links) und Else Minkler herzten den niedlichen Tiernachwuchs. Fotos: Sammlung Ahrend / nh

Baunatal. Kinder- oder Spielzimmer im heutigen Stil hat es zu meiner Kinderzeit nur selten gegeben. Dazu fehlten zum einen die Räumlichkeiten, denn man wohnte ohnehin sehr beengt. Zum anderen gab es kaum Spielzeug im und nach dem Krieg zu kaufen.

Glücklich konnten sich diejenigen Kinder schätzen, die einen richtigen Ball aus Gummi, egal in welcher Größe, zum Spielen hatten. Meine Geschwister und ich besaßen keinen Gummiball. Doch wir wussten uns zu helfen und nähten oder häkelten uns einen Ball aus alten Stoff- oder Garnresten. Wenn noch ein kleines Stück eines alten Fahrradmantels in der Ballmitte eingebracht werden konnte, waren wir glücklich, denn wir glaubten, dass der Ball dann etwas besser springen würde.

Schießer oder Murmeln kneteten wir selbst aus toniger Erde, die zu Kugeln geformt und an der Luft getrocknet wurden. Bunte Glasschießer waren eine Rarität und wurden dementsprechend untereinander gehandelt. Außerdem bereitete es uns ein besonderes Vergnügen, bei gutem Wetter die Füße in diewarme Erde zu drücken, die wir vorher mit der Gießkanne gewässert hatten. Dabei quetschte sich die breiige Masse zwischen den kleinen Zehen hindurch – ein tolles Gefühl!

Das brachte uns auf den Gedanken, Bäcker zu spielen. Aus der noch feuchten Erde formten wir Brot und Brötchen im Miniformat und legten diese auf kleine Brettchen, die die Verkaufstheke darstellten. Schon kamen die Kunden in Scharen und kauften ein.

Doch jeder wollte einmal der Bäcker sein! Sofort entflammte ein Streit, und das schöne Spiel war wegen Gezeter und Gezänk bald beendet.

Eine Begebenheit besonderer Art habe ich noch vor Augen. Es war an einem schönen Sonntagnachmittag, und wir Kinder spielten nebenan auf dem großen Bauernhof. Die vielen Gerätschaften wie Mistkarre, Pflug, Walze und Schnetzelmaschine waren für uns begehrte Spielobjekte.

Mit Jauche geduscht

Der Wagen mit dem bereits vollen Jauchefass stand ebenfalls auf dem Hof. Mein Bruder und mein Cousin interessierten sich besonders für das Jauchefass und untersuchten dessen Verschluss. Mein Cousin drückte den Hebel nur ein wenig nach oben, und schonwar das Malheur passiert! Die braune Jauche schoss aus der Öffnung und ergoss sich auf die schönen grünen Bleyle-Anzüge der beiden Jungen, die erschrocken ins Haus liefen. An ein weiteres Spielen auf dem Hof war nun nicht mehr zu denken.

Meine Cousine wohnte nach der Zerstörung des Elternhauses in Kassel durch einen Luftangriff im Bauernhaus nebenan. Sie besaß am Durchgang des Holzschuppens eine Schaukel, die ihr Vater angebracht hatte – für uns eine Glückseligkeit! Es war für sie und mich einfach himmlisch, uns auf dieser Schaukel in die Lüfte zu schwingen und unseren Gedanken nachzuhängen. Allerdings war unsere Tante hiervon nicht so sehr begeistert wegen der in der Nähe befindlichen Hühnernester.

Im Schafstall von „Ahlen Greben“ lernten wir das Rollschuhfahren. Der Betonboden wies nur kleine Rillen auf, so dass wir rasant von einer Wand zur anderen sausen konnten – und das bei jedem Wetter! Öfters zogen wir auch mit den Rollschuhen bis zur Besser Anhöhe, da dort bereits ein kleines Stück der Landstraße mit einer Asphaltdecke versehen war.

http://zu.hna.de/rtdTux

Von Ria Ahrend

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