Quereinsteiger beim Heeresmusikkorps Kassel

Bulgare bläst bei der Bundeswehr ins Horn

+

Kreis Kassel. Nikolaj Christov stammt aus Sofia. Eigentlich wollte der Bulgare in Deutschland nur Musik studieren. Jetzt ist er Soldat der Bundeswehr und spielt beim Heeresmusikkorps in Kassel. Eine ungewöhnliche Lebensgeschichte.

Nach dem Abitur in Sofia habe er nach einer Perspektive gesucht, berichtet Nikolaj Christov. In Bulgarien seien die Verdienstmöglichkeiten sehr schlecht. Mit einem guten Job komme man auf 300 Euro im Monat. „Meine Großmutter, die 40 Jahre Lehrerin war, hat 50 Euro Rente im Monat.“

Mit seinem Waldhorn, das er schon intensiv während der Schulzeit spielte, ging der junge Bulgare an die Universität der Künste nach Essen. Mit dem Leben mit seiner Verlobten und der Geburt des Sohnes Nikolaj-Stanislav im Jahr 2015 schien das Familienglück perfekt. Aber nur für ganz kurze Zeit. Nur wenige Tage nach der Entbindung sei seine Lebengefährtin im Krankenhaus gestorben, berichtet der heute 29-Jährige mit Tränen in den Augen.

Schlagartig war das Leben anders, der Alltag umgekrempelt. Der Vater von Christov kam von Sofia nach Essen, um auf das Baby aufzupassen. Christov selbst nahm einen Job in einer Solinger Messerfabrik an, „um die Wohnung bezahlen zu können“. An Musik war ab dieser Sekunde nicht mehr zu denken.

Durch einen Zufall bekam der junge Vater dann aber im November 2015 Kontakt zu den Heeresmusikern in Siegburg. Dort half er sogar mal bei einem Konzert aus mit seinem Horn. Über einen Freund hörte er von der Möglichkeit zum Quereinstieg in die Bundeswehr. „Du brauchst einen richtigen Job, du brauchst Sicherheit“, habe dieser zu ihm gesagt. Nikolaj Christov bemühte sich sofort um die deutsche Staatsangehörigkeit. Als er die Urkunde im Sommer 2016 in den Händen hielt, bewarb er sich bei der Bundeswehr, wo er schließlich genommen wurde. „Das war wie eine Rettung“, sagt der 29-Jährige rückblickend.

„Weitere Stelle zu besetzen“

Nach der dreimonatigen Grundausbildung im Rennerod – mit Schießübungen und Robben durch den Schlamm – bekam der Hornist schließlich eine Stelle in Kassel. Man suche immer wieder auch Quereinsteiger, betont Heeresmusikkorps-Chef Oberstleutnant Tobias Terhardt. Aktuell benötige man Klarinettisten. „Da ist eine weitere Stelle zu besetzen.“

Für Nikolaj Christov hat sich das Leben irgendwie und über Umwege ins Positive gewendet. Nach dem Feldwebel-Lehrgang in München will er mit seiner neuen Lebensgefährtin von Essen nach Kassel umziehen. „Ich suche noch nach einer Wohnung und einem Kindergartenplatz“, sagt er. Und mit einem Lächeln auf dem Gesicht zieht er dann nochmal ein Fazit: „Dieser Weg war die beste Lösung.“

Klarinettisten gesucht

Eingestellt wurde Nikolaj Christov im Rang eines Feldwebels. Zunächst erhielt er einen Zeitvertrag über zwei Jahre. Dieser wird laut Heeresmusikkorps-Chef Tobias Terhardt in der Regel alle zwei Jahre verlängert. Der Verdienst sei wie in einem staatlichen B-Orchester. Voraussetzung für den Einstieg in das Heeresmusikkorps ist ein Vordiplom in einem Musikstudium mit Blasinstrument oder Schlagzeug. „Das kann auch ein Lehramtsstudium sein“, so Terhardt. In der Zweitverwendung – und für den Einsatz-Ernstfall – werden alle Musiker zu Sanitätern ausgebildet. Aktuell sucht das Heeresmusikkorps Kassel Klarinettisten. Auch für dieses Instrument sei ein Quereinstieg möglich, sagt der Leiter. (sok) Infos gibt es beim Heeresmusikkorps Kassel, Minna-Bernst-Straße 2, 34131 Kassel, 05 61/7 66 82 40 02

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.