55-Jähriger von Nötigungsvorwurf freigesprochen

Starke Zweifel an Sex-Übergriffen

Kassel/Baunatal. Wenn alles so läuft wie immer, dann ist diese Frage nur eine Formsache. „Können Sie“, will das Gericht von der Zeugin wissen, „den Täter hier irgendwo im Saal erkennen?“ Doch an diesem Nachmittag im Kasseler Amtsgericht ist alles etwas anders.

Suchend blickt sich die 53-Jährige um, versucht den Mann zu entdecken, der sie in ihrer Baunataler Wohnung sexuell genötigt haben soll. Und scheitert. Am Ende steht ein Freispruch des Angeklagten.

Erst blickt sie ins Publikum. Dann überlegt sie, ob sie den DNA-Sachverständigen des Landeskriminalamts verdächtigen soll. Nur den Angeklagten zieht sie gar nicht erst in Erwägung. „Kann sein, dass ich den schon mal irgendwo gesehen habe“, sagt sie. Der Täter aber sei das nicht: „Der Typ war blond, schlank, ungefähr 1,70 Meter groß.“ Bis zum einvernehmlichen Freispruch des 55-Jährigen dauert es danach nur noch wenige Minuten.

„Der Angeklagte“, befindet Staatsanwältin Kerstin Nedwed, „kommt als Täter nicht mehr in Frage – er ist alles andere als blond.“ Bis dahin hatten sich die Verfahrensbeteiligten eine gute Stunde lang zwei grundverschiedene Erzählungen von jenem Freitag im Juni 2011 angehört, als in Baunatal Stadtfest war und es zu vorgerückter Stunde zu den Übergriffen auf die 53-Jährige gekommen sein soll.

Ausführlich schilderte der Angeklagte, wie er die Frau morgens in einer Bäckerei kennen gelernt habe, wie sie danach den ganzen Tag zwischen ihrer Wohnung und dem Fest hin- und hergependelt seien. Und Bier getrunken hätten, viel Bier.

So viel, dass er sich zwischendrin zur Erholung auch mal auf ihr Bett gelegt habe. Und dass er seine neue Bekanntschaft am Ende in eben dieses Bett habe bringen müssen.

Aber sexuelle Kontakte? „Nein. Auf keinen Fall.“ Die Version der 53-Jährigen dagegen klingt so anders, dass man sich fragt, ob beide vom selben Tag sprechen.

Erst am späten Nachmittag habe sie ihre Wohnung verlassen und auf dem Fest dann nicht mehr als zwei Bier und einen Kaffee getrunken – allein. Der Täter sei ihr gefolgt, als sie nach Hause ging, und habe plötzlich hinter ihr in der Wohnungstür gestanden. „Der hat sich nicht mal vorgestellt“, sagt sie. „Das erste, was er gesagt hat, war, ob ich ein Bier habe.“

Weil er trotz mehrfacher „Verpiss dich!“-Aufforderung nicht habe gehen wollen, habe sie ihn halt mit einem Bier aufs Sofa gesetzt. Und sei dann selbst, da diabeteskrank und stark unterzuckert, bewusstlos geworden.

Nackt im Sessel

„Zwei Stunden später bin ich so gut wie nackt im Sessel wieder aufgewacht.“ Und kurz darauf habe sich der Mann an ihr vergriffen.

Eine sonderbare Geschichte. Und nicht ohne Widersprüche zu dem, was die Frau bei der Polizei erzählt hat. Doch das muss nach der überraschenden Entlastung des Angeklagten nicht näher aufgeklärt werden. Der Freispruch des 55-Jährigen wird noch im Gerichtssaal rechtskräftig.

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