Kein Zuckerschlecken: Diamantene Konfirmanden erinnerten sich an ihre Jugendzeit in Großenritte

Stecken und Reisig als Spielzeug

Die Jubilare mit Pfarrerin Ulrike Joachimi (ganz links): Horst Herbst (erste Reihe von links), Sophie Reimann, Gisela Sinning, Marta Andrich, Magdalene Koch, Anneliese Treichel, Erika Siemon, Hermann, Lange, Justus Hellmuth. Zweite Reihe: Lieselotte Siebert, Emma Minkler, Eckhard Mihr, Herbert Engel (Mitschüler der Konfirmanden), August Carl, Liesel Mohr, Manfred Werner, Liesel Grebe, Helmut Frankfurth, Dieter Ziemmeck, Anneliese Frankfurth, Gisela Dickhaut, Erika Tempel, Dritte Reihe: Liesel Hirdes, Heinrich Bauer, Horst Geiser, Karl-Heinz Heitmann, Hermann Hempel, Heinrich Ohlwein und Fritz Bohrs. Foto: Dilling

Baunatal. Konfirmandenunterricht Anfang der 50er-Jahre, das war in Großenritte kein Zuckerschlecken. „Wir mussten schrecklich viel lernen“, erinnert sich Lieselotte Siebert. „Der Pfarrer brachte es nicht fertig, uns zu begeistern“, sagt Eckhard Mihr, der ebenfalls beim damaligen Pfarrer Rose den Unterricht besuchte. Saftige Ohrfeigen und Strafandrohungen seien keine Seltenheit gewesen.

Mihr und Siebert gehörten zu den 28 Jubilaren, die sich am Sonntag während ihrer Diamantenen Konfirmation an die Jugendzeit in Großenritte erinnerten und mit Pfarrerin Ulrike Joachimi in der Kreuzkirche einen Festgottesdienst feierten. Von den ursprünglich 67 Konfirmanden sind inzwischen 14 gestorben.

Eckhard Mihr ärgert sich noch heute über das „stupide Auswendiglernen“ im Konfirmandenunterricht. Der Pfarrer, ein Offizier aus dem ersten Weltkrieg, sei einfach zu alt gewesen. „Wir hatten Angst vor dem Pfarrer“, erzählt Siebert. Der Alltag in den Nachkriegsjahren sei für die Großenritter Jugendlichen hart gewesen, berichtet Mihr. Sie mussten im Haushalt, im Garten oder auf dem Feld mithelfen, weil viele Väter aus dem Krieg nicht zurückgekehrt seien.

Lieselotte Siebert hat aber auch schöne Erinnerungen an jene Zeit. „Wir hatten alle nichts, dennoch waren wir alle fröhlich“, sagt sie. Als Kinder hätten sie am Bahndamm der Kassel-Naumburger Eisenbahn gespielt, aus Holzstecken Puppen gefertigt und sich im Garten der Eltern einer Mitschülerin mit Obst satt gegessen. Aus Reisig bauten sich einige kuschelige Betten. Väter hätten ihren Kindern Holzhäuser zum Spielen gebaut, berichtet die Mitsiebzigerin. Die Konfirmationsfeiern vielen durchweg bescheiden aus. Taschentücher, Unterwäsche oder Sockenhalter gehörten zu den häufigsten Geschenken. Der rasante Aufschwung in der Region, der mit dem VW-Werk Einzug hielt, sollte erst zehn Jahre später kommen.

Die Lehrstellensuche sei nicht einfacher als heute gewesen, erzählt Mihr. Viele hätten trotz guter Zeugnisse ihren Traumberuf nicht ergreifen können. Er selbst fand eine Lehrstelle als Werkzeugmacher bei Henschel und wechselte 1963 ins VW-Werk, wo der heutige Rentner es bis zum Unterabteilungsleiter brachte. Lieselotte Siebert arbeitete als Verkäuferin, auch wenn sie keine Ausbildungsstelle in ihrem Wunschberuf erhalten habe. Ihre einstige Mitkonfirmandin Liesel Hirdes lernte Schneiderin. Das sei nicht ihr Traumjob gewesen, dennoch sei sie dabei geblieben, erzählt sie.

Von Peter Dilling

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