39 Jahre lang hat Wolfgang Marschall Führungen gemacht

Die "Stimme" vom VW-Werk Kassel in Baunatal verabschiedet sich

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Die letzte Gruppe von Wolfgang Marschall: Studenten der Kunsthochschule Kassel lauschen gespannt der Stimme von VW. In 39 Jahren hat er mehrere hunderttausend Menschen durch das Baunataler Werk geführt.

Baunatal. „Also, ich bin der Wolfgang Marschall.“ Freundlich, zurückhaltend, routiniert – so begrüßt der Mann mit dem Mikrofon auch seine wirklich letzte Gruppe vor der Führung durch das VW-Werk.

Die Produktdesign-Studenten der Kunsthochschule Kassel hören genau hin, folgen Marschall dann in die riesigen Hallen auf Schritt und Tritt. Sie sind schließlich Teil eines kleinen Stückes Geschichte der Baunataler Autofabrik. Diese feiert 2018 ihren 60. Geburtstag.

39 Jahre hat Wolfgang Marschall mehrere hunderttausend Menschen durch die langen Gänge geführt, zuletzt acht Jahre nach seinem offiziellen Ausscheiden bei VW freiwillig als Honorarkraft. Jetzt sagt die Stimme von VW endgültig Tschüss.

„Das war schön, ohne verantwortlich zu sein, ganz entspannt mal eine Führung zu machen“, sagt der 68-Jährige zu der Arbeit als freier Mitarbeiter seit 2009. „Das habe ich genossen.“ Insgesamt haben seit dem Bestehen des Besucherdienstes ab dem Jahr 1962 über 900 000 Menschen einen Blick in das zweitgrößte deutsche VW-Werk mit 16 600 Beschäftigten geworfen.

Wie viele Führungen er genau absolviert hat, darüber habe er keine Statistik erstellt, sagt Marschall. Einige wichtige Meilensteine seiner Tätigkeit hat er aber sofort im Kopf. „Wir waren 1990 das erste Werk mit Beamer-Technik im Besucherdienst. Da waren wir stolz drauf.“ Gekostet habe die Anlage, mit der den Gästen kleine Informationsfilme gezeigt wurden, damals 40 000 Mark. „Wir hatten das sogar noch vor Wolfsburg.“

Mit Prominenz im Werk unterwegs: Das Bild zeigt Wolfgang Marschall (Mitte) 1999 anlässlich des Hessentages in Baunatal zusammen mit VW-Personalchef Dr. Günther Koch (links) und Ministerpräsident Hans Eichel. Archivfoto: VW/nh

Beim Hessentag dabei

Auch für die Präsentationen beim Hessentag sei er verantwortlich gewesen, berichtet Marschall. „Das war ein Job, der mir die grauen Haare immer einen Zentimeter weiter wachsen ließ.“ Sämtliche Hessischen Ministerpräsidenten – von Holger Börner über Hans Eichel bis zu Volker Bouffier – habe er durch die Fabrik geführt. „Vielleicht sollte man mal ein Buch schreiben, das machen viele im Ruhestand“, sagt Marschall mit einem Augenzwinkern.

Auch an Kurioses erinnert sich der Repräsentant, der stets mit Hemd und Krawatte vor den Besuchern stand. Aus Wolfsburg habe der Besucherdienst mal zwei VW Golf samt Anhängern bekommen. Mit dem Zug wurden die Gäste durch das Stammwerk gezogen. Das funktionierte in Baunatal aber nicht so gut „Mit einer mit 30 Leuten beladenen Golf-Besucherbahn sind wir hier zwischen Halle 2 und 3 an einer der steilen Rampen mal hängen geblieben“, berichtet der 68-Jährige. „Dann mussten alle aussteigen.“

Als besondere Besucher sind Wolfgang Marschall nicht etwa Prominente oder Staatsgäste in Erinnerung geblieben. Es sind vor allem die blinden Schüler der Carl- Strehl-Schule aus Marburg. „Die sind über viele Jahre zu uns ins Werk gekommen.“ Für diese, so Marschall, habe er ein „fühlbares Programm“ entwickelt – etwa mit einer Station, an der die Kinder Getriebezahnräder ertasten konnten.

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