Nachkriegszeit: Kopfjucken bei den Schülern führte zu drastischer Gegenwehr

Stinkattacke auf die Läuse

Gruppenbild vom Ehrentag: Kreisschwester Else und die Gemeindeschwestern zählten zu den Gratulanten, als die Großenritter Hebamme, Frau Ebert, ihr 50. Berufsjubiläum feierte. Sie hatte auch unsere Autorin Ria Ahrend auf die Welt geholt. Fotos: Sammlung Ahrend/nh

Baunatal. Der Schulrat kommt! Das war für uns Kinder etwas nicht Alltägliches, und wenn sein Besuch im Unterricht angekündigt wurde, blickten wir ängstlich diesem Tag entgegen. Das bedeutete für uns Kontrolle, eine Art Prüfung, die wir zu bestehen hatten.

In der Realität hatte sicherlich der Klassenlehrer mehr Ängste auszustehen als wir. Sein Unterrichtsstil und die Lernerfolge bei den Schülern und Schülerinnen sollten schließlich auch überprüft und beurteilt werden.

Wir waren eingeweiht und vorbereitet, so dass das Ganze für uns nicht so tragisch verlief und alles wie am Schnürchen klappte. Hinterher waren wir heilfroh und wussten, dass der Schulrat unsere Klasse so schnell nicht wieder besuchen würde. Auch der Kreisarzt ließ sich in regelmäßigen Abständen in der Schule blicken. In jedem Jahr wurde ein anderer Schuljahrgang der zweiten Pockenimpfung unterzogen. Dabei standen wir in einer Reihe mit entblößten Armen. Die mitgekommene Kreisschwester nahm den linken Arm, und der Kreisarzt verpasste uns zwei kleine Stiche. Wenn sich bei der Nachuntersuchung dann herausstellte, dass die Pladdern angegangen waren, zogen wir frohen Mutes von dannen, weil uns so eine Nachimpfung erspart blieb.

Die Kreisschwester war eine Institution für sich. Sie war von großer, hagerer Gestalt, trug Mittelscheitel und ihre Haare streng nach hinten. Für mich sah sie ehrerbietig aus. Sie wurde auch von der Bevölkerung respektiert.

In den Schulen wies sie die Kinder auf Sauberkeit und Zähneputzen hin. Außerdem wurden Schüler, die körperlich schwach waren, zur Erholung in ein Kinderheim geschickt. Sie war es auch, die meinen kleinen Bruder in unserem Hause untersuchte, mehrere Formulare ausfüllte und veranlasste, dass er im Solebad Karlshafen eine Kinderkur antreten konnte.

Obwohl die Bevölkerung über Vorbeugemaßnahmen gegen Krankheiten und auch über Hygiene unterrichtet wurde, kam es immer wieder vor, dass sich ungebetene Gäste bei den Kindern einstellten. Im Krieg waren zeitweise Soldaten im alten Schulgebäude untergebracht, wo wir Kinder uns gerne aufhielten. Unser Lehrer stellte eines Tages beim Unterricht, der im neuen Schulgebäude nebenan gehalten wurde, mit Entsetzen fest, dass viele meiner Mitschüler und Mitschülerinnen unter Kopfjucken zu leiden hatten. Das war ihm nicht ganz geheuer!

Eine Untersuchung wurde ngeordnet, und tatsächlich waren die meisten von Kopfläusen befallen. Entsetzen breitete sich aus!

Auch ich war unter den Betroffenen. Eiligst wurde in der Bahnhofs-Drogerie ein Mittel gegen Läuse gekauft, das wegen der besseren Wirkung noch mit Petroleum versetzt wurde. Diese Mischung stank zum Himmel! Damit wurden meine Haare und der Kopf einer sehr gründlichen Wäsche, die mehrere Male wiederholt wurde, unterzogen. Mit einem engzahnigen Kamm wurden die Haare gekämmt, um dann genauestens nachzusehen, ob sich keine Nisse mehr auf der Kopfhaut befand. Die Läuse wurden so auf gründliche Art und Weise bekämpft. Ich war heilfroh, als es endlich Entwarnung gab.

Von Ria Ahrend

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