850 junge Leute brauchen Hilfe

Sven braucht eine Extra-Chance: Fallmanagement soll Hartz-IV-Empfängern helfen 

Kreis Kassel. Sven (Name geändert) ist erst 19 und lebt schon seit Jahren von Hartz IV. Der junge Mann wohnt in einer Gemeinde im Landkreis Kassel, er hat weder einen Schulabschluss noch eine Ausbildung absolviert.

Sven ist arbeitslos; sein Vater starb, als er zehn Jahre alt war, seine Mutter sitzt im Knast. Ohne Hilfe, so viel ist klar, wird Sven nie fähig werden, dauerhaft zu arbeiten. Ein Fallmanager soll ihm nun unter die Arme greifen. Denn mit zunehmendem Alter wird es immer unwahrscheinlicher, dass Sven ein normales Berufsleben führen kann. Dann droht der Wechsel in die Sozialhilfe und damit ein dauerhaftes Leben am Tropf öffentlicher Kassen. Doch der Landkreis will Sven nicht aufgeben. „Was wir jetzt an Hilfeleistungen bei Sven einsparen würden, würde uns über kommende Jahre und vielleicht Jahrzehnte teuer zu stehen kommen“, sagt Kreissprecher Harald Kühlborn.

Wie Sven gibt es viele Jugendliche und Kinder, die in der Schule nicht mitkommen und auch keine Ausbildung packen. Um sie zu stützen, hat der Kreis seit 2005 flächendeckend Schulsozialarbeit an den allgemeinbildenden und den Berufsschulen eingeführt.

Sven taucht im neuen Sozialatlas des Landkreises an verschiedenen Stellen auf: als Schulabbrecher der Hauptschule, als Fall der Jugendgerichtshilfe, in der Statistik der Schuldnerberatung und im Fallmanagement der Arbeitsförderung. Letzteres soll verhindern, dass der 19-Jährige weiter abrutscht.

Diese Gefahr ist durchaus gegeben. Sven nimmt ab und zu Drogen. Mit denen ist er seit seiner frühesten Kindheit vertraut. Seine Mutter ist drogenabhängig, ihr Lebensgefährte Alkoholiker.

Nach der 7. Klasse hat Sven die Schule geschmissen, obwohl er für einen Schulabschluss intelligent genug wäre. Doch Sven ist durch alle Raster gefallen. Pünktlichkeit und Durchhaltevermögen hat er nie gelernt, einen Arbeitstag hält er nicht durch. Nicht nur er ist überfordert, auch seine Eltern waren es, die Lehrer und zuletzt die Arbeitsagentur. Auch das Hartz-IV-Prinzip des Förderns und Forderns – wer nicht mitspielt, dem wird das Geld gestrichen

– hat bei Sven nicht zu einer Verhaltensänderung geführt.

Eigentlich möchte Sven kein Außenseiter sein, er will eine Ausbildung machen, Geld verdienen und sich das leisten, was andere Menschen in seinem Alter auch haben.

Was kann man tun, um aus dem Teufelskreis auszubrechen? Der Kreis setzt auf ein Fallmanagement, mit dem Sven und andere Jugendliche individuell gefördert werden. Der Bedarf ist groß: Im Jahr 2009 gab es 520 junge Leute mit einem großen Betreuungsbedarf, hinzu kamen 337 weitere mit einem geringeren Förderbedarf, insgesamt also 857 Bezieher von Leistungen.

Auch das Bundesarbeitsministerium hat den Handlungsbedarf erkannt und will junge Menschen stärker fördern. Organisiert wird dies durch das Jobcenter des Landkreises.

Von Holger Schindler

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