Tamara Leszner starb mit 66 Jahren: Alte Ziegelei war ihr Lebenswerk

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Herkulesaufgabe: Tamara Leszner sanierte die frühere Ziegelei von Grund auf. Archivfotos: Wienecke

Kaufungen. Als Tamara Leszner vor 20 Jahren die Ziegelei Lohöfer in Oberkaufungen übernahm, zweifelten nicht wenige daran, dass ihre Pläne für das heruntergekommene Industriedenkmal an der Niester Straße jemals Wirklichkeit werden.

Doch die Zweifel wurden schon nach kurzer Zeit zerstreut, und zwar durch die Tatkraft, mit der Leszner bei dem Jahrhundertprojekt zu Werke ging.

Am Ostermontag ist die Frau, die Kaufungen und die Region um das Hessische Ziegeleimuseum bereichert hat, im Alter von 66 Jahren in Kaufungen gestorben. Die gebürtige Hamburgerin, die ledig war, hinterlässt einen Sohn.

Tamara Leszner hatte als Denkmalsaniererin bereits Erfahrungen gemacht, als sie nach Oberkaufungen kam. Was sie vorfand, war eine Herkulesaufgabe, die die Frau mit der markanten tiefen Stimme entschlossen anging: Teile des Schornsteins der Ziegelei waren ins Innere des Gebäudes gestürzt, Bäume hatten sich breitgemacht und das Mauerwerk gesprengt.

Doch Leszner sah von Anfang an nicht nur die Probleme des Industriedenkmals, sondern vor allem die Chancen, die sich mit dem 1870 errichteten Backstein-Komplex verbanden. Sie schuf dort Raum zum Wohnen und Arbeiten. Und zum Erleben. „Die Ziegelei lebt von der Nutzung, und bei der Denkmalpflege kommt es auf die richtige Nutzung für den richtigen Ort an“, sagte Tamara Leszner, die zumeist mit einer Ballonmütze auftrat. Das war 2010, als die stellvertretende Vorsitzende des Vereins Hessisches Ziegeleimuseum Oberkaufungen ein Projekt präsentierte, mit dessen Hilfe inzwischen viele Menschen Hören, Sehen und Tasten auf eine ganz spezielle Weise neu erfahren haben.

Die „Sinnesgänge“, die zum 1000-jährigen Bestehen Kaufungens 2011 eröffnet wurden, sensibilisieren die Besucher für eine empfindsamere Wahrnehmung. Da werden etwa Töne sichtbar gemacht, wenn man mit einem Geigenbogen über eine Metallplatte streicht und der Sand darauf zu tanzen beginnt. Die Neuentdeckung der Sinne vollzieht sich an einem ungewöhnlichen Ort: in den Kammern des stillgelegten Zickzackofens, in dem über Jahrzehnte Ziegel gebrannt wurden.

Bei der Verwirklichung der „Sinnesgänge“ legte die Wahl-Kaufungerin wieder die ihr eigene überzeugende Hartnäckigkeit an den Tag, als es darum ging, Geld für das Projekt loszueisen. Den Menschen in Kaufungen und der gesamten Region wird Tamara Leszner als vorbildliche Macherin in Erinnerung bleiben.

Die Urnentrauerfeier für Tamara Leszner findet zu einem späteren Zeitpunkt in der Stiftskirche in Kaufungen statt.

Von Peter Ketteritzsch

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