Berufungsgericht fasste Beschluss, der 23-Jährigem Weg in Suchttherapie ebnen soll

Taschenräuber bleibt in Haft

Kassel / Baunatal. „Wir hätten alle schreckliche Bauchschmerzen, wenn Sie jetzt wieder auf die Menschheit losgelassen würden“, gibt Berufungsrichter Carl dem Angeklagten mit auf den Weg. Der 23-jährige gebürtige Kasseler, der zuletzt in Baunatal lebte, müsse sein Leben grundlegend ändern.

Dass er in Haft bleibe, sei die einzig mögliche Entscheidung – auch im Interesse seiner selbst.

Der Angeklagte ist ein großer Mann mit äußerst kleinlauter Stimme und breiten, aber hängenden Schultern. Im Januar war er wegen Raubs, versuchten Raubs, Körperverletzung, schweren Diebstahls und Computerbetrugs zu zwei Jahren und neun Monaten Haft verurteilt worden.

Hinter den juristischen Begriffen verbergen sich Taten, die der 23-Jährige innerhalb von fünf Wochen im Umfeld seiner früheren Wohnung in Baunatal begangen hatte:

• In einer Unterführung hatte er einer Frau die Handtasche mit EC-Karte und PIN entrissen.

• Mit einem Mitbewohner war er in eine Pizzeria eingebrochen.

• Mit einem Kumpel hatte er einem Mann das Portemonnaie entwunden, den der andere zuvor ins Gebüsch gestoßen hatte.

Außerdem hatte der 23-Jährige versuchte, einer 91-Jährigen die Handtasche wegzuzerren. Die Frau war gefallen, hatte sich verletzt, ist offenbar noch heute verängstigt.

Allein dafür gehöre ein Täter „erstmal in den Knast“, so betonte Staatsanwalt Karl-Heinz Ernst am Donnerstag: „Und das muss auch jeder wissen.“

Für eine Bewährungsstrafe plus Arbeits- und Therapieauflage, die der Angeklagte ursprünglich mit seiner Berufung hatte erreichen wollen, sah Ernst keinerlei Spielraum. Die Kammer ließ ebenfalls durchblicken, dass der 23-Jährige beim Amtsgericht schon gut weggekommen sei.

So ganz schien sich auch der junge Mann selbst nicht mehr sicher, ob Bewährung das Beste wäre: Er nickte fortdauernd, als Richter Carl im vorhielt, wie schnell er wieder in falsche Gesellschaft geraten könne - und dass dann alle Bemühungen um eine Suchttherapie wieder dahin sein könnten.

Verteidiger Peter Gros hatte schon zu Beginn der Verhandlung signalisiert, dass mittlerweile auch eine Therapie aus der Haft heraus als gute Option erscheine.

Als dann das Gericht einen Beschluss in Aussicht stellte, der den Weg dafür ebnen soll, wurde die Berufung zurückgenommen. Der Beschluss hält fest, dass die Taten in Baunatal auf eine Drogensucht des 23-Jährigen zurückzuführen seien. Nach eigenen Angaben konsumiert der 23-Jährige Cannabis seit er zwölf Jahre alt ist und mit dem Tod der Mutter Vollwaise wurde.

„Wir hätten alle schreckliche Bauchschmerzen, wenn Sie jetzt wieder auf die Menschheit losgelassen würden.“

Damals in Baunatal, so hatte er in erster Instanz ausgesagt, habe er seine Hartz-IV-Bezüge rasant für Cannabis, Alkohol und Bringdienst-Gerichte ausgegeben. Die Idee mit dem Handtaschen-Entreißen habe dann ein Kumpel gehabt.

Von Katja Schmidt

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