Josef Högele feiert am zweiten Weihnachtstag 100. Geburtstag

Ein Traum wurde wahr

100. Geburtstag: Josef Högele freut sich auf seine Geburtstagsfeier mit Sohn Alexander und der übrigen Familie. Foto: Oschmann

Helsa / Kaufungen. Über 20 Jahre in der Verbannung haben Josef Högeles Leben geprägt. Als Sohn eines deutschen Bauern in Elsas bei Odessa geboren, kam er 1936, nachdem seine Familie enteignet worden war, zunächst für zehn Jahre in ein Lager im äußersten Norden Russlands. Hier arbeitete er als Holzfäller. Für weitere 12 Jahre wurde er nach Westsibirien in eine Kohlengrube geschickt. Mutig, klug und immer den Menschen zugewandt hat er alle Härten überlebt. Am 26. Dezember, dem zweiten Weihnachtstag, feiert Josef Högele seinen 100. Geburtstag.

Niemals habe er seinen Vater so weinen sehen wie 1956, als er offiziell für rehabilitiert erklärt wurde, sagt Sohn Alexander. Er erzählt aus dem Leben seines Vaters, da der alte Herr nur noch schlecht hört und sieht.

Viele Tränen sind wohl auch geflossen, als Josef Högele durch glückliche Vermittlung des Chefs der Kohlengrube nach einem Jahr in Westsibirien seine in die Nähe verbannte Frau Ida Rothecker wiedertraf. Sie hatten 1936 geheiratet. Sein erstes Kind, Tochter Irma, 1937 geboren, sah der junge Vater jetzt zum ersten Mal. 1948 und 1952 kamen die Söhne Alexander und Johannes zur Welt. Josef Högele, der schon als Kind auf dem elterlichen Hof mitholfen hatte, wurde aus dem Landwirtschaftsstudium an der Fachhochschule Odessa heraus verhaftet.

Damit war der erste Lebenstraum, den Hof weiterzuführen, vorbei.

„Mein Vater hat immer gern und viel gelesen, Goethe und Schiller gehörten dazu“, berichtet Sohn Alexander. Er war ein wacher Geist und politisch stets gut informiert, konnte zwischen den Zeilen lesen. Wenn der Empfang der Deutschen Welle oder der Stimme Amerikas gestört war, ergänzte er die Bruchstücke, berichtet der Sohn.

Der verstorbene russische Dichter Alexander Solschenyzin und seine Beschreibung der russischen Straflager waren lange ein Thema zwischen Vater und Sohn. „Mein Vater hatte ja alles selbst erlebt, was ich in den Büchern gelesen hatte“, sagt Alexander.

1966 siedelte die Familie nach Usbekistan um, 1974 nach Moldau. Zahlreiche Ausreisesanträge wurden abgelehnt. „Dabei war es der sehnlichste Wunsch meines Vaters, nach Deutschland auszureisen“, berichtet der Sohn.

1974 wurde dieser zweite Lebenstraum wahr. Högeles fanden ihre Heimat in Nürnberg, ab 2002 lebten sie bei Sohn Alexander in Kaufungen.

Die Ehefrau starb 2004. Seit 2009 wohnt der Witwer, der körperlich sonst fit ist, im Senioren- und Therapiezentrum Helsa. Der freundliche alte Herr hat Einiges mitbekommen vom Gespräch und sagt zum Abschied: „Danke, dass Sie gekommen sind und mich nicht vergessen haben.“

Von Sabine Oschmann

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