„Einwohner wollen keine Bittsteller sein“

Prof. Dr. Ivo Bischoff über Studie zu Kreiskommunen

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Projektleiter der Studie: Prof. Dr. Ivo Bischoff von der Universität Kassel.

Kassel. An der Studie der Universität Kassel haben 1400 Menschen teilgenommen – 860 Bürger aus dem Landkreis Kassel, die anderen aus dem Werra-Meißner-Kreis und dem Odenwaldkreis. Die Regionen wurden ausgewählt, „weil es hier am meisten brennt“, erklärt Projektleiter Prof. Dr. Ivo Bischoff.

Stichworte seien etwa der demografische Wandel und die Situation der öffentlichen Haushalte.

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Aus den Ergebnissen der Studie können die Wissenschaftler Hinweise für die kommunale Politik ableiten. „Den Einstieg in interkommunale Zusammenarbeit sollten Politiker über den technischen Bereich wählen“, sagt Bischoff und meint damit Verwaltung, Gewerbegebiete und den Winterdienst. Dort seien die Bürger im Wesentlichen leidenschaftslos. Anders sehe es bei allem aus, was die Bürger als identitätsstiftend wahrnehmen.

Insbesondere Menschen, die sich in der Feuerwehr oder in Vereinen engagieren, stünden interkommunaler Zusammenarbeit eher skeptisch gegenüber. Einsparungen zu erreichen, aber Ehrenamtliche zu verschrecken, sei kein Gewinn für die Gemeinde, sagt Bischoff. Auf breite Ablehnung stoße Zusammenarbeit, wenn sie nicht auf Augenhöhe stattfindet, sagt Bischoff, zum Beispiel, wenn Leistungen von größeren Städten bezogen werden, statt sie selbst zu produzieren. Bürgern sei es lieber, dass drei kleine Gemeinden gemeinsam eine Bibliothek betreiben, als für einen Besuch in die Kreisstadt zu fahren, sagt Bischoff. „Die Bürger möchten nicht als kleiner Bittsteller auftreten.“

Laut Bischoff sei der zentrale Faktor, der eine Zustimmung zur Zusammenarbeit drücken kann, die Angst der Bürger um ihren Einfluss und ihre Kontrollmöglichkeiten. Die Politik sollte deshalb Entscheidungen transparent gestalten, die Gemeindevertretungen einbinden und keine Abmachungen per Handschlag treffen.

Gute Erfahrungen hat laut Bürgermeister Michael Steisel (SPD) die Gemeinde Söhrewald gemacht. Sie lässt seit einigen Jahren den Schnee in ihren drei Ortsteilen vom Nachbarbauhof in Lohfelden räumen. „Ein sensibles Thema“, sagt Steisel, hin und wieder gebe es Beschwerden, aber die gebe es beim Winterdienst durch den eigenen Bauhof auch. Darüber hinaus arbeitet Söhrewald beim Abwasser, bei der Gefahrgut-Entsorgung und im Tourismus mit anderen Gemeinden zusammen. Auch Standesbeamte habe man schon ausgetauscht, ohne allerdings das eigene Standesamt aufzulösen, damit die Bürger keine längeren Wege haben.

Auch für die Gemeinde Schauenburg ist Zusammenarbeit ein Thema. „Wir haben viele Kooperationen mit Baunatal“, sagt Bürgermeisterin Ursula Gimmler (CDU). Zurzeit lasse man in zehn Bereichen weitere Kooperationen prüfen, unter anderem bei EDV und Personalabrechnung, Bauhof und Ordnungsbehörden. „Das macht Sinn“, sagt die Bürgermeisterin, „aber nicht mit Gewalt und nur sozial verträglich. Seinen Arbeitsplatz darf niemand dadurch verlieren“, sagt Ursula Gimmler. (sib/hog)

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