Unter Diebstahlverdacht

Ist das erlaubt? In Oberkaufunger Rewe-Markt sollte Paar Einblick in Handtasche geben

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Ein Verdacht auf Ladendiebstahl eskalierte in einem Rewe-Markt in Oberkaufungen: Wie weit dürfen Mitarbeiter gehen, um Ladendiebstahl vorzubeugen?

Kaufungen. In einem Rewe-Markt in Oberkaufungen wurde ein Paar aufgefordert, Einblick in seine Handtasche zu geben. Und das, obwohl es keinen Anfangsverdacht gab. Ist das erlaubt?

Ladendiebstahl ist für Einzelhändler ein Problem: Sie werden um ihr Geld gebracht. Wie gehen sie damit um? Welche Rechte haben sie und welche hat der Kunde? Ein Fall aus Oberkaufungen.

Eigentlich wollte das Pärchen Müller* in seinem Urlaub nur etwas fürs Frühstück einkaufen – abends kurz vor Ladenschluss im Rewe Oberkaufungen der Familie Balcke. Wie Regina Müller uns schildert, wollten sie und ihr Lebensgefährte an der Kasse bezahlen. Was dann folgte, hat laut Müller den Urlaub des Berliner Pärchens deutlich überschattet: „Ich wurde aufgefordert, Einblick in meine Handtasche zu geben“, sagt Regina Müller entsetzt. „Zur Begründung wurden mir immer häufiger auftretende Ladendiebstähle und eine Weisung der Marktleitung genannt.“

Taschenkontrolle im Supermarkt durch Mitarbeiter

Eine Diskussion entbrannte, die sich immer weiter aufschaukelte. „Wenn sie nichts zu verbergen haben, können sie mich ja in ihre Tasche schauen lassen“, habe man ihr gesagt. Einen Hinweis des Lebensgefährten, die Aufnahmen der Videokameras zu überprüfen, hätten die Mitarbeiter an der Kasse ausgeschlagen.

Würden Sie in Ihre Tasche schauen lassen? Wir haben eine Facebook-Umfrage gestartet, hier können Sie abstimmen und mitdiskutieren.

Nach vielem Hin und Her hätten die Müllers die Waren bezahlt, „dabei habe ich der Frau an der Kasse unfreiwillig einen Einblick in meine Handtasche gegeben, als ich mein Portemonnaie rausholte“, sagt Regina Müller. Weil dort offenbar keine gestohlenen Waren zu sehen waren, sei das Thema im Markt erledigt gewesen. „Für mich war es das allerdings nicht“, betont die Frau aus Berlin. „Wir haben uns nichts zu Schulden kommen lassen und finden es ungeheuerlich, als Kunden unter Generalverdacht gestellt zu werden.“ Der Fall sei ein Eingriff in die Privatsphäre.

Daraufhin habe sie sich bei Rewe Group beschwert. Der Ansprechpartner dort habe ihr zwar zugestanden, dass es ein bedauerlicher Vorfall sei. „Doch tun könne er nichts“, so Müller. „Schließlich seien die Ladenbetreiber Pächter und somit unabhängige Unternehmer, die ihr Geschäft so führen können, wie sie wollen.“

Doch dürfen Marktbetreiber verlangen, Einblick in die Tasche der Kunden zu bekommen? „Ein Recht darauf, einen Einblick in die Tasche eines Kunden zu nehmen, hat der Ladenbesitzer nicht“, sagt Verena Bring, Staatsanwältin und stellvertretende Pressesprecherin der Staatsanwaltschaft Kassel auf HNA-Anfrage. Nur wenn der Kunde die Erlaubnis gebe, dürfe der Besitzer schauen. Weigere sich der Kunde, bleibe dem Ladenbesitzer nur die Polizei zu informieren, die die Taschen des Kunden einsehen kann. „Hierfür muss jedoch gegen den Kunden ein Anfangsverdacht im Hinblick auf eine Straftat (Diebstahl) vorliegen“, betont Bring. 

Recht auf Taschenkontrolle?

„Bis zum Eintreffen der Polizeibeamten hat der Ladenbesitzer das Recht, einen auf frischer Tat ertappten Dieb festzuhalten“, so Bring. Dafür sei ein dringender Tatverdacht nötig. Der liege vor, wenn der Beschuldigte als Täter oder Teilnehmer mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Straftat begangen hat. „Ein vager Verdacht dürfte hierfür nicht ausreichen.“ 

Das sagt die Rewe-Pressestelle

„Die Frage nach dem Blick in die Tasche ist nicht verboten“, sagt Anja Krauskopf, Sprecherin der Rewe Group Region Mitte. „Aber scheinbar war die Kassiererin im Rewe-Markt in Oberkaufungen übereifrig. Das ist aber ein Einzelfall.“ Ein Verdacht, dass die Kundin gestohlen hat, habe nicht bestanden. Es sei wohl eher eine prophylaktische Frage gewesen. Krauskopf bestätigt, dass jeder Marktbesitzer entscheide, ob er die Kunden anfragt, ob sie Einblick in ihre Taschen geben lassen. 

Im besagten Markt komme es jedoch in letzter Zeit vermehrt zu Diebstählen. Krauskopf wollte aber keine Angaben dazu machen, wie oft. Um für mehr Sicherheit zu sorgen, seien dort Ladendetektive im Einsatz. Auch die Kameras sorgten für zusätzliche Sicherheit. „Die Aufzeichnungen sehen sich die Marktmitarbeiter aber nur in begründeten Verdachtsfällen an.“ Abschließend betont die Sprecherin: „Wir wollen unsere Kunden nicht unter Generalverdacht stellen und bedauern den Fall.“

*Name von der Redaktion geändert

Dieses Video ist ein Inhalt der Videoplattform Glomex und wurde nicht von der HNA erstellt.

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