Los Angeles Times will berichten

US-Reporter sind auf der Spur der Niester Waschbären

Possierliche Räuber: In Nieste stellen Jagdpächter auf Privatgrund Fallen auf, um Waschbären zu fangen und dann zu töten. Die Gemeinde kann sich seit einem HNA-Bericht darüber vor Anfragen kaum retten. Foto: Archiv/nh

Nieste. Auf Nieste und sein Waschbärenproblem sind jetzt sogar die USA aufmerksam geworden: Ein Reporter der renommierten „Los Angeles Times“ will diese Woche Bürgermeister Edgar Paul darüber befragen, wie die Gemeinde versucht, der überbordenden Population der possierlichen Allesfresser Herr zu werden.

Die vermehrungsfreudigen Räuber – ursprünglich in Nordamerika daheim und hier ohne echte Feinde – waren vor knapp 80 Jahren am Edersee ausgesetzt worden und sind mit inzwischen geschätzten 500 000 Tieren in ganz Deutschland zu einer wahren Plage geworden. In Nieste werden sie in Fallen gefangen und dann von Jägern erschossen.

Ein Bericht in der HNA über diese Praxis bringt bis heute die Telefone zum Glühen. Täglich gut ein Dutzend Menschen ruft an und erbittet Rat und Hilfe aus Nieste, das dazu freilich gar nicht in der Lage ist. Bürgermeister Paul: „Das können und würden wir nicht machen. Wir helfen nur unseren eigenen Bürgern, die in Not sind.“

Besonders aus den waldnahen Kasseler Stadtteilen Harleshausen und Wilhelmshöhe, aber auch aus Marburg, Hann. Münden oder Hildesheim rufen Menschen an, denen die Waschbären immer enger auf die Pelle rücken. Denn was in Nieste inzwischen über 40-mal geschehen ist, das Fangen und Töten der Tiere durch die örtlichen Jagdberechtigten, wird offiziell in wohl keiner anderen Kommune praktiziert.

Die rechtliche Lage ist heikel: Eigentlich dürfen nur ausgebildete Fallensteller die Tiere fangen. Gleichzeitig sind Waschbärenfallen für etwa 80 Euro zu kaufen - wovon Privatpersonen auch reichlich Gebrauch machen. Aber: Die gefangenen Tiere dürfen laut Gesetz weder im Wald ausgesetzt oder gar getötet, sondern müssen sofort direkt vor der Haustür wieder in die Freiheit entlassen werden.

Für Paul, selbst ambitionierter Jäger, geht diese Regelung völlig an der Realität vorbei: „Das ist grob fahrlässig. Die Waschbärenplage lässt sich nicht mit dem Jagdrecht lösen. Hier ist die Politik gefordert.“

Das aber tut sie nicht: Der Waschbärenbeauftragte der Stadt Kassel hat laut Paul wegen Überlastung die Arbeit eingestellt und ist nicht mehr zu erreichen. Immerhin wolle der Nachbar Niestetal jetzt dem Niester Beispiel folgen und gefangene Waschbären von den örtlichen Jägern beseitigen lassen, berichtet Paul.

Das könnten auch alle anderen Kommunen tun. „Bis zu sechs Monaten könnten sie die Bejagung der Waschbären im befriedeten Bereich – also in Wohngebieten – freigeben“, sagt Paul.

Auch Hausbesitzer sollten nach seiner Ansicht das Recht haben, ihr Haus und Grund zu schützen: „Das Aufstellen von Fallen auf dem Grundstück darf daher nicht unter das Jagdrecht fallen.“

Von Thomas Stier

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