Ablenkfütterung auch in der Kritik

Umstrittener Schutz vor Windrädern: Vellmarer Naturfotograf lockt Greifvögel mit Fleisch weg

+
Naturfotograf Karlheinz Germandi: Um Rotmilane von Windrädern fernzuhalten, verfüttert er Fleisch an die Greifvögel. Ursprünglich lockte er damit die Vögel an, um Naturfotos zu machen.

Vellmar. Naturfotograf und Journalist Karlheinz Germandi aus Vellmar will Greifvögel vor den Rotioren der riesigen Windkraftanlagen schützen. Deshalb füttert er sie täglich mit Fleisch. 

Rotmilane liegen ihm besonders am Herzen. Die Greifvogelart kommt im Landkreis Kassel noch in stabiler Population vor.

„Die großen Windrotoren sind inzwischen zum größten Feind der Greifvögel geworden“, sagt Germandi. Gerate ein Rotmilan zu nah an einen sich drehenden Windkraftflügel, würde er in den Rotor hineingezogen und dort erschlagen und geschreddert.

Um das zu vermeiden, hat Germandi für sich eine Lösung gefunden: Er füttert die Vögel täglich – mit bis zu zwei Kilo Fleisch. Schon seit sechs Jahren unterhält er eine Futterstelle in einem Privatgarten in Calden-Wilhelmsthal.

Ein Rotmilan an der Futterstelle in Wilhelmsthal: Inzwischen weiß die Forschung, dass Rotmilane unter Umständen weit fliegen, um an Nahrung zu kommen. Die nächsten Windräder sind vom Wilhelmsthal 13 bis 14 Kilometer entfernt (Lindenberg in Schauenburg und Sandershäuser Berg in Niestetal). 

Ursprünglich lockte er damit die Tiere an, um gute Naturfotos zu machen. Jetzt aber füttert er die Rotmilane auch, um sie von den Windrädern in der Umgebung fernzuhalten. „Mit dieser Ablenkfütterung trage ich dazu bei, dass viele Vögel überleben“.

Michael Conrad

Was Germandi macht, ist nicht unumstritten. Zwar erkennt auch der Naturschutzbund Kassel (Nabu) in Windrädern eine Gefahr für Greifvögel. „Es werden immer wieder tote Tiere in der Nähe von Windkraftanlagen entdeckt“, sagt Peter Lorenz von der Nabu-Ortsgruppe Kassel. Doch sei noch nicht erforscht, ob die Windräder rund um Kassel den Rotmilanbestand tatsächlich gefährden, sagt Lorenz. Solange müsse genau abgewogen werden, ob eine Ablenkfütterung überhaupt Sinn mache. „Vor allem eine dauerhafte Fütterung hält die Tiere von ihrem natürlichen Jagdverhalten ab. Sie werden träge und machen sich nicht mehr die Mühe, etwas selbst zu erbeuten“.

So liege die Verantwortung des Menschen für den Rotmilan eher darin, „nur da Windräder zu bauen, wo sie die Greifvögel nicht gefährden“.

Vogelschutz: Reviergröße wird berücksichtigt

PeterLorenz

Das RP Kassel meint, genau dieser Verantwortung gerecht zu werden. Im Zuge der Ausweisung von Flächen für Windparks im Regionalplan (im Schnitt machen diese Areale zwei Prozent der Gesamtfläche aus) würden auf Basis des Avifauna-Konzeptes auch Aspekte des Vogelschutzes wie Reviergröße und Überflugverhalten berücksichtigt, sagt RP-Sprecher Michael Conrad.

Anders gesagt: Dort, wo heute Windräder stehen oder noch gebaut werden dürfen, ist die Kolliosionswahrscheinlichkeit schon relativ gering. Mit Blick auf Brutplätze gelte es, einen Mindestabstand von 1000 Metern einzuhalten.

Germandi gehen diese Festlegungen nicht weit genug. Er kommt zu dem Schluss, dass nur eine regelmäßige Fütterung zum Bestandserhalt der Rotmilane beitragen kann.

Für Lorenz ist das aus naturschutzfachlicher Sicht der falsche Ansatz: „Statt Greifvögel durchzufüttern, sollten wir dafür sorgen, dass sie in einer intakten Natur ganz ohne Hilfen dauerhaft überleben können“.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.