Frau musste reanimiert werden

Aufregung in Vellmar: Autofahrer stört Rettungskräfte während eines Notfalls

+
Einsatz in Vellmar: Die Freiwillige Feuerwehr rettet eine Frau über den Balkon eines Mehrfamilienhauses am Ahornweg, weil das Treppenhaus zu eng gebaut ist.

Vellmar. Rettungskräfte in Vellmar sind empört: Während die Helfer eine Frau reanimierten, wurden sie von einem Autofahrer gestört. Auch auf Facebook sorgt der Fall für heftige Diskussionen. 

Am Mittwochmorgen gegen 7.30 Uhr kämpft im zweiten Stock eines Mehrfamilienhauses im Ahornweg in Vellmar eine Frau um ihr Leben. Der Notarzt und der Rettungsdienst versuchen, die Frau zu reanimieren. Dabei kommt es auf der Straße vor dem Haus zu einer verbalen Auseinandersetzung mit Anwohnern, die nicht nur die Rettungskräfte fassungslos zurücklässt.

Da die Helfer mit der Trage nicht durch das enge Treppenhaus kommen, wird die Freiwillige Feuerwehr Vellmar hinzugerufen. Die rückt mit einem Einsatzleitwagen und der großen Drehleiter an, um die Frau so über den Balkon zu retten. Soweit alles Routine bei einem medizinischen Notfall und einer absoluten Stresssituation für die Einsatzkräfte. „Für uns ist das ein alltäglicher Job“, sagt Thorsten Vogler, stellvertretender Stadtbrandinspektor der Stadt Vellmar. Problematisch wird es erst, wenn sich die Einsatzkräfte nicht nur um den medizinischen Notfall kümmern müssen, sondern auch um Menschen, die den Einsatz behindern.

Am Mittwochmorgen ist es eine Familie mit zwei schulpflichtigen Kindern, die bei Thorsten Vogler den Geduldsfaden reißen lässt. Gleich zwei Mal habe der Familienvater den Fahrer des Rettungswagens des DRK aufgefordert, das Sanitätsauto wegzufahren, da es ihn blockiere. Während der laufenden Wiederbelebung der Frau. Das Argument des Mannes: Die Kinder müssten zur Schule. „Beim zweiten Mal bin ich eingeschritten und habe ihn weggeschickt, da er unsere Arbeit behinderte“, sagt Vogler.

Der Ahornweg ist eine Sackgasse. Feuerwehr und Rettungswagen blockieren die Straße für etwas mehr als eine Stunde. Doch eigentlich ist es keine Frage, wer Vorrang hat: Rettungskräfte, die das Leben eines Menschen retten wollen, oder Kinder, die pünktlich in der Schule sein sollen. Bei Facebook, wo die Freiwillige Feuerwehr Vellmar den Vorfall gepostet hat, haben bis Donnerstagnachmittag fast 200 Leute den Vorfall kommentiert. Die meisten äußern völliges Unverständnis für das Verhalten des Familienvaters. Eine Frau schreibt: „Käme ein Kind deswegen zu spät zu mir in den Unterricht, würde ich das direkt zum Anlass nehmen und das richtige Verhalten bei Gefahrensituationen / Unfall thematisieren.“

Sackgasse: Die Einsatzwagen versperrten während der Rettung die Durchfahrt für andere Fahrzeuge.

Indes ist nicht bekannt, wie es der Frau geht, die am Mittwochmorgen reanimiert werden musste. Nach Angaben der Freiwilligen Feuerwehr wurde sie vom Rettungsdienst in ein Kasseler Krankenhaus gebracht. Ob die Einsatzkräfte das Leben der Frau retten konnten, war nicht zu ermitteln. Auf Nachfrage durften weder der Rettungsdienst des DRK noch der Feuerwehr- und Rettungsdienst Kassel mit Hinweis auf Datenschutzgründe Auskunft darüber geben. Da die Polizei an dem Einsatz nicht beteiligt war, konnte auch die Polizeipressestelle zu dem Fall nichts Näheres sagen.

Behinderung von Rettungskräften ist strafbar

Im Notfall zählt jede Minute. Es kann über Leben und Tod entscheiden, wie schnell Rettungskräfte bei einem Menschen sind, der Hilfe benötigt. Daher ist es lebenswichtig, dass Feuerwehr, Polizei und medizinische Rettungsdienste ungestört arbeiten können. Trotzdem kommt es immer wieder vor, dass Rettungskräfte an ihrer Arbeit gehindert werden.

Mit dem im April 2017 verabschiedeten „Gesetz zur Stärkung des Schutzes von Vollstreckungsbeamten und Rettungskräften“ will die Bundesregierung Sicherheits- und Rettungskräfte nun besser schützen. Wer hilfeleistende Personen behindert, zum Beispiel durch Gaffen an einer Unfallstelle oder Blockieren der Rettungsgasse auf der Autobahn, kann mit bis zu einem Jahr Haft bestraft werden. Auch passives Verhalten bei einem Unfall kann strafbar sein. Bei unterlassener Hilfeleistung drohen Geldstrafen und in schlimmen Fällen auch eine Haftstrafe von bis zu einem Jahr. Auch das Filmen und Fotografieren von Verletzten oder einem Unfallwagen ist verboten, dafür kann man bis zu zwei Jahre ins Gefängnis gehen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Ab dem 25.5.2018 gilt die Datenschutzgrundverordnung. Dazu haben wir unser Kommentarsystem geändert. Um kommentieren zu können, müssen Sie sich bei unserem Dienstleister DISQUS anmelden. Sollten Sie zuvor bereits ein Profil bei DISQUS angelegt haben, können Sie dieses weiter verwenden. Nutzer, die sich über den alten Portal-Login angemeldet haben, müssen sich bitte einmalig direkt bei DISQUS neu anmelden.

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.