Auftakt am Landgericht

Prozess um versuchten Mord: „Ich habe um mein Leben gekämpft“

Kassel/Vellmar. Mitunter schien sich das Opfer wie ein Angeklagter zu fühlen: Zum Auftakt eines Prozesses um versuchten Mord vor dem Kasseler Landgericht sagte der 34-jährige Geschädigte am Montag Sätze wie „Es tut mir leid, dass es so weit gekommen ist“.

Der Angeklagte aus Kassel, dem vorgeworfen wird, gemeinsamen mit einem bisher Unbekannten den 34-jährigen Vellmarer mit mehreren Messerstichen lebensgefährlich verletzt zu haben, sei von seiner Familie „falsch informiert worden“. Er könne, so der 34-Jährige, den Angeklagten sogar verstehen: „Wir sind beide Opfer von etwas, das nicht stimmt.“

In diesem Prozess geht es offenbar um einen weiteren Fall, in dem die Ehre einer Familie durch eine Bluttat gerettet werden sollte. Der 34-Jährige berichtete am Montag, er habe die 17-jährige Schwester des Angeklagten bei einem Besuch des Arbeitsamtes kennengelernt, danach habe sich eine Beziehung entwickelt, die jedoch nur etwa zwei Wochen angedauert habe.

Es habe sich herausgestellt, dass das Mädchen nicht, wie es selbst angegeben habe, 20, sondern erst 17 gewesen sei. Er habe sich mit ihr lediglich getroffen, sonst sei nichts passiert, beteuerte er. In der Familie der Ex-Freundin seien Gerüchte über ihn gestreut worden, zum Beispiel, dass er eine Vergewaltigung begangen habe. Die Mutter der 17-Jährigen habe ihm am Telefon gedroht: „Wir bringen dich um!“

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Als er im Juni vergangenen Jahres abends von einem Besuch bei einem Freund nach Hause kam, traf er an seiner Vellmarer Wohnung auf zwei Männer. Die gingen wortlos mit Messern auf ihn los. Sie stachen und schlugen, wie er am Montag berichtete, mehrfach auf ihn ein und verletzten ihn schwer. „Ich habe um mein Leben gekämpft.“

Messerstiche trafen ihn am Hals und in der Brust. Fast drei Wochen verbrachte er im Krankenhaus, bis heute leidet er an Gefühllosigkeit im Gesicht und muss Schwierigkeiten beim Gehen in Kauf nehmen. Als Täter identifizierte der 34-Jährige den 20-jährigen Bruder seiner Ex-Freundin, der nun auf der Anklagebank sitzt. Der zweite Mann, so sagte das Opfer am Montag, sei der Onkel der beiden Geschwister gewesen.

Angeklagte und Opfer liefen sich vor Kurzem im Gefängnis über den Weg, denn der 34-Jährige saß für kurze Zeit wegen einer Verurteilung in einer anderen Sache in Haft. Dort, so sagte der 34-Jährige, „habe ich ihm verziehen“, der 20-Jährige wiederum habe sich bei ihm entschuldigt.

Eine Nachbarin des 34-Jährigen, bei der er mit seiner Ex-Freundin öfter zu Besuch gewesen war, sagte am Montag als Zeugin, sie habe nach der Trennung der beiden einen Anruf von der 17-Jährigen erhalten, in dem das Mädchen berichtet habe, sie sei von ihrer Mutter aufgefordert worden, den Ex-Freund anzuzeigen, weil er sie vergewaltigt habe.

Diese Zeugin will zudem ein Streitgespräch zwischen dem 34-Jährigen und der 17-Jährigen mitbekommen haben, in dem sie ihm gedroht habe, sie werde ihn umbringen lassen. Der Prozess, in dem nach derzeitiger Planung 21 Zeugen gehört werden, soll am 5. Februar fortgesetzt werden.

Von Ralf Pasch

Rubriklistenbild: © picture alliance / dpa

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