Abgabe sorgt für neuen Unmut

Jäger im Landkreis Kassel regen sich über Jagdsteuer auf

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Erhardt Rüsseler ist regelmäßig mit den Aufgaben als Jäger beschäftigt: Der 75-Jährige hat zwei Jagden gepachtet, für die er jährlich 440 Euro Jagdsteuer zahlt.

Kreis Kassel/Vellmar. Wenn es nach Jägern im Landkreis Kassel ginge, müsste die Jagdsteuer abgeschafft oder zumindest gesenkt werden. Warum ihnen die Steuer ein Dorn im Auge ist: 

Enttäuschung machte sich dementsprechend breit, als kürzlich ein FDP-Antrag im Kreistag abgelehnt wurde, der die Steuer kippen sollte. Auch die CDU-Fraktion hatte sich gegen die Abgabe ausgesprochen, die Freien Wähler warben zumindest für eine Senkung.

Erst 2014 hatte der Landkreis die Jagdsteuer von 15 auf 20 Prozent erhöht. 1341 Menschen mit Jagdschein werden zur Kasse gebeten, dadurch nimmt der Landkreis jährlich 166.000 Euro ein.

„Das sorgt für großen Unmut im Verein“, unterstreicht Dr. Wilfried Dietze, erster Vorsitzender des Kreisjagdvereins Hofgeismar. „Wir Jäger fühlen uns zusätzlich belastet durch den Landkreis“, ergänzt der 78-Jährige, der in Hann. Münden lebt.

Auch Erhardt Rüsseler, Schriftführer im Verein, kann der Jagdsteuer nichts abgewinnen. Ganz im Gegenteil: „Jäger leisten viel freiwillige Arbeit und investieren Geld aus eigener Tasche“, sagt der 75-jährige Mann aus Vellmar. Besonders umfangreich sei die Aufgabe, Wild zu entsorgen, dass bei Verkehrsunfällen umgekommen ist. Das koste Zeit, Energie und sei mit Fahrtkosten verbunden, erläutern Dietze und Rüsseler. 

„Die Arbeit ist freiwillig und wird nicht erstattet“, sagt Dietze. Stattdessen brumme ihnen der Landkreis eine Steuer auf. Rüsseler hat den Eindruck, dass sich deshalb nur wenige Jäger um verunfalltes Wild kümmern. 

Wilfried Dietze

Um die Jäger in dieser Sache zu ersetzen, sorge die Arbeitsförderungsgesellschaft im Landkreis Kassel (AGiL) dafür, dass die verendeten Tiere nicht auf der Straße liegen bleiben, sagt Kreissprecher Harald Kühlborn. „Das kostet Geld und der Landkreis gibt einen Großteil der Jagdsteuereinnahmen gleich wieder aus“, moniert Rüsseler. Stattdessen könnte die Jagdsteuer abgeschafft oder gesenkt werden und die Arbeit von AGiL wäre in diesem Kontext nicht mehr notwendig. Denn dann würden sich die Jäger auch wieder verstärkt um verunfalltes Wild kümmern, glaubt er. 

Vertane Chance, Arbeit der Jäger wertzuschätzen

Dietze und Rüsseler unterstreichen noch weiteres Engagement, das der Kreisjagdverein freiwillig und unentgeltlich leiste: Zum Beispiel pflanzten sie Bäume und Sträucher in Lücken im Wald, sogenannte Feldholzinseln. Auch an der Entstehung von Streuobstwiesen würden sie mitwirken. „Damit fühlen wir uns nicht anerkannt in Anbetracht unserer Dienste“, sagt Dietze. Einige nordhessische Landkreise würden es anders machen: „Hersfeld-Rotenburg hat die Jagdsteuer abgeschafft, in Waldeck-Frankenberg liegt sie bei zehn Prozent“, sagt Rüsseler. Die Steuer weiterhin zu erheben, sei eine vertane Gelegenheit, die Arbeit der Jäger in der Region wert zu schätzen.

Die Jagdsteuer sorgt schon seit vielen Jahren für Diskussionen“, sagt Kreissprecher Harald Kühlborn. Dass der Landkreis Kassel weiterhin an der Abgabe festhält, „hängt sicherlich auch mit den jahresbezogenen Defiziten des Kreishaushalts in den letzten Jahren, bevor der Landkreis den Schutzschirm des Landes Hessen nutzte, zusammen“, erklärt Kühlborn.

Der Schutzschirm macht die Abgabe notwendig

Dadurch sei der Landkreis an die Vorgaben des Schutzschirms gebunden, die unter anderem auch besagen, dass er nicht auf mögliche Einnahmen verzichtet. Deshalb hätten viele Kommunen unter dem Schutzschirm ihre Steuern – Grundsteuer und Gewerbesteuer – erhöht. Der Landkreis hingegen kann das nicht. Eine seiner Möglichkeiten, um für mehr Geld zu sorgen, sei die Jagdsteuer.

Gesellschaft seit 2002 aktiv Zur Arbeitsförderungsgesellschaft im Landkreis Kassel (AGiL) bemerkt Kühlborn: „AGiL kümmert sich seit 2002 um verunfalltes Wild“, also nicht erst seit der Erhöhung der Jagdsteuer auf 20 Prozent im Jahr 2014. Der Grund dafür, sagt Kühlborn, sei schon eine damalige Aussage der Jäger gewesen, dass sie aufgrund der Steuer kein Wild mehr entsorgen wollten.

Harald Kühlborn

Jagdsteuer und Engagement könne nicht gegenübergestellt werden

Die Grundannahme, das man die Jagdsteuer seitens des Landkreises und das Engagement seitens der Jäger gegenüberstellen könne, sei allerdings falsch: „Die Jagdsteuer ist keine Gebühr, wie sie zum Beispiel für die Müllentsorgung erhoben wird.“ Sie sei eine allgemeine Finanzmöglichkeit des Staates. Das Geld fließe in den Haushalt des Landkreises ein und sei somit völlig unabhängig vom Engagement der Jäger. 

Dementsprechend könne die Steuer auch nicht einfach gestrichen werden. Auf andere Landkreise zu verweisen, die die Abgabe gar nicht oder in geringerem Umfang erheben, sei unpassend. Denn es gebe auch Landkreise, die zwar wohlhabender als der Landkreis Kassel sind, aber dennoch die Steuer für gepachtete Jagdgebiete erheben. Ein Vergleich zwischen den Landkreisen könne also schwer gezogen werden. 

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