Geld, Küchenmaschine und Rasenmäher versprochen

Kaffeefahrt ab Niedervellmar: Senioren wurden von Gewinn gelockt

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Einsteigen und losfahren: Mit diesem Reisebus wurden die Teilnehmer der Fahrt am Donnerstagmorgen in Vellmar abgeholt. 

Ein Gewinn von 2500 Euro und eine Küchenmaschine im Wert von über 1000 Euro lockten zwei Damen an eine Bushaltestelle in Vellmar. Betrug oder nicht? Wir waren vor Ort. 

Eigentlich wissen sie ja, „dass es Schwindel ist“. Trotzdem sitzen Hannelore Meier und Sigrid Schneider* (beide 83) mit einem Yorkshire-Hund an der Haltestelle Niedervellmar Mitte und warten auf einen Bus. Meier hatte Anfang des Monats ein Schreiben in der Post. Der Titel: „Schon BEZahlt. Danke.“ Darin steht „wir möchten uns auf diesem Wege nochmals bei Ihnen für Ihre Gebühren bedanken“ – deswegen habe sie 2500 Euro gewonnen. Die, und eine Küchenmaschine im Wert von rund 1000 Euro, könnte Meier einstreichen, wenn sie am Donnerstag, 5.4. um 8.55 Uhr an der Haltestelle Niedervellmar Mitte in den Bus einsteigt. Für sie und eine Begleitung gebe es Essen und Getränke.

Und da sitzen sie, um kurz vor 9 Uhr. „Wir wissen nicht, wo’s hingeht“, sagt Meier. Natürlich seien sie skeptisch. „Mein Sohn hat mich davor gewarnt“, sagt Schneider. Sie solle bloß nichts kaufen. Und das hätten sie sich auch fest vorgenommen. Ganz im Gegenteil: Sie wollen den Gewinn einfordern – und ein kleines Abenteuer bei strahlendem Sonnenschein könne ja nicht schaden. „Ich kann selbst keine langen Autofahrten mehr machen“, sagt Meier. Sie hat eine Vermutung, warum gerade sie eine Einladung bekommen hat. Vor einigen Jahren habe sie ein einem Preisauschreiben mitgemacht. Seitdem kamen solche Einladungen, die ihr weitere Gewinne versprachen. „Nur nicht so hoch.“

Mittlerweile hat sich ein weiteres Pärchen dazu gesellt: Die 82 Jahre alte Waltraud Lindemann und ihr 84 Jahre alter Mann Ernst*. Auch sie haben eine Einladung bekommen. Allerdings sieht die ganz anders aus, als die von den Damen mit dem Hund. Statt einem Geldpreis wird den Lindemanns eine LED-Lampe, ein Luftentfeuchter und sogar ein Rasenmäher versprochen, alles gratis.

Decken, die vor Elektrosmog schützen

Aber im Gegensatz zu den beiden Damen wissen sie ganz genau, worauf sie sich einlassen: Die Lindemanns haben schon bei mehreren Kaffeefahrten teilgenommen, die mit einem vermeintlichen Gewinn gelockt haben. „Nicht einen Cent sieht man“, sagt Waltraud Lindemann. Im Gegenteil: Das Ehepaar habe schon Geld ausgegeben auf solchen Ausflügen – für „Dinge, die man eben braucht“, wie es Ernst Lindemann formuliert. Dabei handelte es sich um Decken, die gegen Elektrosmog schützen sollen. Über 1000 Euro seien sie ihm und seiner Frau wert gewesen. Sie freuen sich auf Spargel, den sie angeblich geschenkt bekommen sollen.

Um kurz nach 9 Uhr kommt der Bus, der schon halb voll ist. Die meisten Insassen sind im Rentenalter. Meier und Schneider steigen mitsamt Hund ein. Die Lindemanns gehen hinterher. Der Busfahrer reagiert abweisend auf die Frage, wohin er fahre. Schulterzuckend sagt er: „Ich fahre jetzt nach Donhausen. Weitere Anweisungen habe ich nicht.“ In den Kreis Höxter also. Von einem Reiseveranstalter ist keine Spur.

*Namen von der Redaktion geändert

Betrugsmasche aufdecken

Klaus Reddig aus Vellmar wollte der Einladung nicht trauen. Wie Meier hat der 87-Jährige ebenfalls eine Einladung mit der Behauptung, 2500 Euro gewonnen zu haben, erhalten. Er wandte sich damit an die HNA, damit die Betrugsmasche aufgedeckt wird. „Ich wäre fast auf das Schreiben hereingefallen“, sagt Reddig. Zunächst habe er sich über den vermeintlichen Glücksfall gefreut, dann aber sei er stutzig geworden. 

Gerade noch rechtzeitig sei ihm eingefallen, im Internet auf die Suche nach der „BEZ“ zu gehen. Schnell wurde er fündig: Ein im Jahr 2011 erschienener Artikel im Bonner General-Anzeiger warnt vor Betrügern, die mit Gewinnversprechen zu getarnten Kaffeefahrten verlocken. An vier solcher Veranstaltungen hat Reddig bereits teilgenommen. Dabei habe es sich um andere Anbieter gehandelt, die ihm kostenlose Mahlzeiten oder kleinere Preise in Aussicht gestellt haben. „Ein so hoher Gewinn wie jetzt wurde mir aber noch nie versprochen“, sagt Reddig. Auf einer Fahrt habe er erlebt, dass die Anbieter Geschenke, wie zum Beispiel Fahrräder, verteilt haben – „um die zu ruhig zu stellen, die alles für Betrug hielten“, so der 87-Jährige. 

Verbraucherzentrale: Unseriöse Angebote

„Pro eingesetztem Bus verschicken die Verantwortlichen zwischen etwa 1500 und 5000 Einladungen. Diese sind inhaltlich alle gleich“, sagt Peter Lassek, Rechtsanwalt und Referent Verbraucherrecht und -politik bei der Verbraucherzentrale Hessen. Jeder der Eingeladenen erhalte das gleiche Versprechen für die Kaffeefahrt. „Ein Gewinnversprechen von 1000 Euro bedeutet, dass die unbekannten Verantwortlichen zwischen 1,5 und 5 Millionen Euro vorhalten müssten – pro Bus wohlgemerkt.“ Die Einladungen würden zudem meistens nicht nur örtlich versandt werden, sondern überregional oder sogar bundesweit. 

So könnten sich die Gewinnversprechen schnell auf Hunderte von Millionen Euro aufschaukeln. „Allein daran kann man schon erkennen, wie unseriös das Ganze ist.“ Man könne in diesem Fall definitiv von einer Kaffeefahrt sprechen. Diese seien „ein Dauerbrenner in der Beratungspraxis“ der Verbraucherzentrale Hessen. „Viele Verbraucher erhalten postalische Gewinnmitteilungen. Die Übergabe des Bargeldgewinns oder Sachpreises soll im Rahmen einer Ausflugsfahrt erfolgen. Die Fahrt ende oft in einer Verkaufsveranstaltung an einer lauten Bundesstraße mit minderwertigen, teuren Produkten.

Die Auflösung der Geschichte lesen Sie morgen auf hna.de.

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