„Der Fuß ist meist am Gaspedal festgeklebt"

Keine Zeit zum Feiern: Vellmarerin fährt im Taxi ins neue Jahr

+
Sie wird die Silvesternacht in ihrem Taxi verbringen: Wenn sie Zeit hätte, würde Ute Schönefeld (68) auch mit einem Fahrgast aufs neue Jahr anstoßen – mit Orangensaft. Die Fahrgäste gehen allerdings vor und so wird es beim Wasser zwischendurch bleiben.

Vellmar/Kassel. Ute Schönefeld befördert seit 19 Jahren Gäste in der Silvesternacht. Während alle Raketen zünden und entspannt mit Sekt aufs neue Jahr anstoßen, ist Uta Schönefeld anders beschäftigt.

Die 68-Jährige aus Vellmar fährt Taxi – und das auch seit 19 Jahren in der Silvesternacht. „Das ist die stressigste Nacht im Jahr. Ich fange am 31. nachmittags an und fahre bis in die Morgenstunden“, sagt die Frau aus Vellmar, während sie in ihrer blitzblanken Mercedes-Limousine am Kasseler Taxiplatz Kirchweg sitzt. „Da bin ich dann ziemlich unter Strom.“

Kunden stünden fast an jeder Ecke, sodass ans Verschnaufen nicht zu denken sei. „Der Fuß ist meist am Gaspedal festgeklebt und Pipi-Pausen muss ich mir erschleichen.“ Obwohl Schönefeld schon so lange fährt, habe sie noch keine wirklich schlechten Erfahrungen mit Fahrgästen in der Silvesternacht gemacht – das untermauert sie mit einem dreifachen Klopfen auf ihr Lenkrad.

„Die Stimmung ist gut, die Gäste kommen ja vom Feiern“, sagt sie. Also: bislang noch kein Erbrochenes auf dem Rücksitz, keine Pöbeleien, keine Drohungen. Weder an Silvester, noch sonst. Dass ein Fahrgast die Zeche geprellt hat, sei auch ihr schon passiert. „Das gibt zwar kein Taxifahrer gern zu, aber es kommt vor.“

Insgesamt sei sie aber in ihrer Taxifahrerkarriere sehr gut weggekommen. Schönefelds Rezept ist denkbar einfach, aber nicht immer leicht umzusetzen. Sie setzt auf Freundlichkeit: „Wenn ich nett zu den Fahrgästen bin, kommt das auch so zurück.“ Wenn ein Kunde trotzdem schlechte Laune habe, versuche sie, die mit Späßchen zu vertreiben. Aber an Silvester komme das kaum vor.

Ihren Mann störe es übrigens überhaupt nicht, dass sie die Nacht auf Neujahr im Taxi verbringt. Ganz im Gegenteil: „Der freut sich, wenn er mal seine Ruhe hat“, sagt die Taxifahrerin schmunzelnd. Das Ehepaar könne sich mit dem Geld, das sie in der Silvesternacht verdient, ab und zu einen Urlaub leisten – zum Beispiel nach Brasilien.

Weihnachten zuhause

Und schließlich ist sie ja auch an Weihnachten zu Hause. Denn Heiligabend – der mit Fondue begangen wird – und die folgenden Feiertage, sind der Familie wichtig. „Wir haben Zeit mit unseren Kindern und unserem Enkel.“ Da kann sie Kraft tanken, um die lange Silvesternacht von nachmittags bis morgens durchzuhalten.

Ein Stündchen Schlaf

Kommt sie dann nach der langen Nacht nach Hause, haut sich Ute Schönefeld erst einmal für ein Stündchen aufs Ohr. Aber wirklich nur ein Stündchen. Denn dann steht noch eine kleine Tradition auf dem Plan: Sie geht mir ihrem Mann essen und die beiden stoßen gemeinsam aufs neue Jahr an. Sie trinkt allerdings nur stilles Wasser. „Alkohol ginge nach solch einer Nacht nicht“, betont sie. „Das würde ich zu sehr merken“, ergänzt sie.

Wie lange sie den Job noch machen will? „So lange ich kann“, sagt sie. Bis dahin wird Ute Schönefeld ihre Fahrgäste mit einem Lächeln begrüßen und sie ein Stück des Weges durch die Silvesternacht begleiten.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Ab dem 25.5.2018 gilt die Datenschutzgrundverordnung. Dazu haben wir unser Kommentarsystem geändert. Um kommentieren zu können, müssen Sie sich bei unserem Dienstleister DISQUS anmelden. Sollten Sie zuvor bereits ein Profil bei DISQUS angelegt haben, können Sie dieses weiter verwenden. Nutzer, die sich über den alten Portal-Login angemeldet haben, müssen sich bitte einmalig direkt bei DISQUS neu anmelden.

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.