Langer Atem lohnte sich

"Kirchenrebellen" siegen im Fall der Altersgrenze

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Jubel: Die ehemaligen Kirchenvorstände Jutta Bickel (von links), Reinhild Ullmann, Gunnar Böhle, Edda Winterberg und Dieter Möller von der Johannesgemeinde Vellmar freuen sich über den Erfolg ihrer Initiative. Künftig dürfen auch über

Kassel / Vellmar. Die Johannesgemeinde in Vellmar-West hat mit ihrer Initiative ein Stück kurhessische Kirchengeschichte geschrieben.

Angestoßen durch die Initiative von fünf ihrer ehemaligen Kirchenvorstände hat die Landessynode jetzt die Altersgrenze für Kirchenvorstände gekippt. „Unser langer Atem hat sich gelohnt“, freuen sich Edda Winterberg und ihre vier Mitstreiter, die fast zwei Jahre lang für die Abschaffung der Altersgrenze gekämpft haben.

Die fünf über 70-Jährigen fühlten sich durch die Regelung, dass sie nicht mehr für den Kirchenvorstand kandidieren durften, diskriminiert. Sie hatten vor dem Gericht der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck (EKKW) dagegen geklagt - allerdings ohne Erfolg. Der in der Grundordnung verankerte Artikel zur Altersgrenze konnte nur durch eine Zwei-Drittel-Mehrheit in der Synode gekippt werden. Zweimal - 2009 und 2012 - war das bereits gescheitert.

Dass es diesmal klappen könnte, hatten die fünf Vellmarer kaum noch zu hoffen gewagt. In einer Vorabstimmung der Synode am Montag waren die nötigen 62 von 93 Stimmen wieder nicht zusammengekommen. Buchstäblich in letzter Minuten änderten dann einige Synodale ihr Stimmverhalten, sodass am Schluss 68 ihr Ja für die Abschaffung der Altersgrenze gaben.

„Der Druck von außen, auch durch die Medienbericherstattung, war groß“, vermutet Reinhild Ullmann (71). „Die hätten sich blamiert, wenn es wieder nichts geworden wäre.“ Pfarrer Matthias Risch, der seine langjährigen Kirchenvorstände in ihrer Initiative unterstützt hat, nennt ein weiteres Argument, was den Ausschlag gegeben haben könnte: Was in der Grundordnung der Kirche verankert ist, sollte im Evangelium begründet sein - das sei bei der Altersgrenze nicht der Fall. „Das haben zuletzt wohl auch einige anerkannt, die eine Altersbegrenzung grundsätzlich für sinnvoll halten.“ Die Altersgrenze sei aus praktischen Gründen eingeführt worden - um eine befürchtete Überalterung der Kirchenvorstände zu verhindern. „Dem Evangelium gemäß sollen aber alle Menschen an der Kirche teilhaben dürfen“, sagt Pfarrer Risch.

Deshalb bedeute der Fall der Altersgrenze eine Bereicherung für die Kirche, sagt Edda Winterberg (72), treibende Kraft hinter den fünf sogenannten „Kirchenrebellen“ aus Vellmar. Wäre das Votum der Synode auch diesmal negativ ausgefallen, hätten die Senioren ihr Vorhaben übrigens aufgegeben.

„Aber wie sich gezeigt hat, ist Kirche doch wandlungsfähig“, sagt Dieter Möller. Er hatte zwischenzeitlich überlegt, aus Protest gegen die Altersgrenze sein ehrenamtliches Engagement in der Gemeinde ganz einzustellen. Hätten das alle über 70-Jährige getan, hätte die Kirche alt ausgesehen. Doch so weit braucht es nicht mehr zu kommen. „Jetzt werde ich der Kirche mit umso größerer Freunde weiter die Stange halten“, sagt Dieter Möller.

Von Katja Rudolph

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