Reporter auf Recherchetour

Frieren für den Fetisch: Eine Suche nach Lack, Leder und Swingerclubs in Stadt und Kreis Kassel

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Ein Abend innerlicher Zerrissenheit: Klingelt man oder klingelt man nicht? Bleibt man oder fährt man nach Hause?

Vellmar/Fuldatal/Kassel. Journalisten suchen immer nach interessanten Geschichten und Menschen. Manchmal ist die Suche so spannend wie das Thema selbst. Eine Recherchereportage.

Es ist kalt und ungemütlich an diesem Abend. Doch nicht deswegen steuern wir geradewegs auf eine Kasseler Sauna zu. Wir haben zwei Themen im Sinn. Moritz will einen Menschen mit Fetisch finden, Max will über einen Abend im Swingerclub berichten.

Ein unerwarteter Flirt in einer Kasseler Sauna

Moritz: Ich hoffe, dass wir in der Sauna vielleicht einen offenen Interviewpartner finden. Oder jemanden, der jemanden mit Lack-und-Leder-Fetisch kennt. Für den 19. Januar, den internationalen Fetisch-Tag. Wieso wir da gerade hier suchen? 

Ich habe einen Hinweis auf die Sauna bekommen. Als Max und ich schließlich auf der windigen Straße vor dem Eingang stehen, ist mir mulmig zumute: Beleidigen will ich niemanden, wir suchen nur die Geschichte... Herzklopfen. Aufregung. „Warum mache ich das nochmal?“ Augen zu und durch. Wir gehen rein.

Max: Schön warm ist’s hier. Und gut riecht’s auch. Sauna eben. Aus dem hinteren, nicht einsehbaren Bereich dringen gedämpft Männerstimmen zum Eingang hin, wo zwei Endzwanziger stehen wie pubertäre Jungs beim ersten Mal Kondome kaufen. Mein Blick bleibt an den Prosecco-Flaschen hängen, die an der Wand hinter dem Tresen aufgereiht sind. Lecker.

Ein stattlicher Mann schiebt sich ins Bild, groß, bärtig, Glatze, weißes Polo-Shirt. Scheint hier zu arbeiten. Ich sage ihm, dass es schön ist, dass sie hier Prosecco haben, weil ich Prosecco lecker finde, und Moritz erklärt, warum wir hier sind. Der bärenhafte Mann hört zu, lächelt sanft und sagt, dass man so Leute eher in Frankfurt findet. Okay, schade. Moritz zückt seine Visitenkarten und ich denke mir „cool, Moritz hat Visitenkarten“.

Doch der Mann hinter dem Tresen, er hat nur Augen für meine Hände. Ob ich denn überall so viele Haare habe, will er wissen. Das sei nämlich sein kleiner, persönlicher Fetisch. Ich fühle mich geschmeichelt – für mein Haupthaar gibt’s schließlich selten Komplimente. Das geht dann eine Weile so weiter, ich sage, dass der Mann auch schöne Haare hat und dass ich gerne noch bleiben würde, auch wegen des Proseccos. Doch wir hätten noch einiges vor heute Abend. „Das kann ich mir denken, schade“, sagt der Bär und zwinkert.

Swingen im Dorfidyll: Suche nach dem Tender Love

Moritz: Einen Flirt reicher, aber leider ohne handfesten Kontakt. Auf nach Fuldatal-Rothwesten. Dort soll der Swingerclub Tender Love sein. Was uns da wohl erwartet? Wenn ich in der Sauna schon so aufgeregt war, wie soll’s dann im Swingerclub sein? Nach einer guten Viertelstunde Fahrt, während der Max und ich uns schon die wildesten Geschichten ausmalen (die Schuljungen lassen grüßen), biegen wir in die Friedrich-Engels-Straße ein. 

Von außen unscheinbar: Das Haus, in dem man den Fuldataler Swingerclub Tender Love nur vermuten kann.

Eine ruhige Gegend, keine Menschenseele. Wohnhäuser, gepflegte Vorgärten, Dorfidyll. Doch wo ist der Swingerclub, die Hausnummer 22? Wir gehen an den Grundstücken vorbei. Unglaublich. Hier soll’s sein? Im Wohngebiet, wo tagsüber Kinder auf der Straße spielen? An einem Wohnhaus bleiben wir stehen. Ist es hier? Eine gemütliche Sitzecke mit Sitzkissen und Zierpflanzen, durch die Milchglastür fällt warmes Licht. Wir klingeln.

Max: Die Tür summt. Das ging schnell. Drinnen warten wir vor einer zweiten. Die Klinke geht runter. Mega spannend das alles. Vor uns steht eine ältere Frau, vielleicht 80 Jahre alt, etwas wackelig. Sie grinst. Ich frage, ob das hier das Tender Love ist und merke, dass das unglaublich doof klingt. 

Aber wie gut wäre es bitte, wenn diese nette Omi einen Swingerclub leitet? Es wäre perfekt. Aber nix da. Sie antwortet, dass sie zum einen ihren Sohn erwartet und dass der Swingerclub am Ende der Straße ist. Moritz hilft der lieben Frau die Einfahrt hinunter, sie zeigt uns noch einmal den Weg. Ich sage, dass sie beim Türöffnen vorsichtiger sein sollte. Und sie: „Ich wünsche euch viel Spaß.“

Moritz: Das Haus ist eine Mischung aus 70er-Jahre-Kneipe und alter Scheune. Undurchsichtige, gelbe Fenster mit Rautenmuster, bröckeliger Backstein, Fachwerk, kein Licht. Gegenüber: der Kleintierzucht-Verein K 83. Wir klingeln am Eingang auf der Rückseite. Warten. Keine Reaktion. Klingeln noch mal. Nichts. „Ich bin ein bisschen enttäuscht“, sage ich. Max nickt. Also ab zur nächsten Station.

Schauriges Vellmar: Am rostigen Tor ist Schluss

An der B 7 soll er sein, der Swingerclub Feelings. wir parken an der Triftstraße und gehen um die Ecke, zur Warburger Straße 36. Hier ist’s, wie in meiner Fantasie: Zigarettenautomat, Fassaden mit verblichener Werbung und Graffiti. Straßenlärm. Verrucht. Ein rostiges, hüfthohes Tor versperrt uns den Weg. Im Halbdunkel der Laterne sehen wir Umrisse eines Fabrikgebäudes. Zerbrochene Fenster, Rost überall. Vorn ist ein altes Wohnhaus. Aber: “Privatgrundstück“ steht da. Unheimlich. Gleich passiert irgendwas Schlimmes, gleich...

So hat es sich Moritz vorgestellt: Hinter diesem Haus liegt der dunkle Hof des Vellmarer Swingerclubs Feelings. Fotos:  Gorny

Max: So ist das, wenn man zu viele Horrorfilme guckt. Das rostige Tor, die alten Fassaden im Dunklen... Ich warte auf den schwarzen Riesenhund, der mit abgerissener Kette am Hals um die Ecke flitzt. Er kommt nicht. Noch nicht. Von dem anfänglichen „hihi“ ist wenig geblieben, also bei mir jedenfalls, Moritz wirkt entspannt. Ich sage, dass ich nach Hause will. Müdigkeit und so. Und geswingt wird doch sicherlich auch an anderen Tagen.

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