Unterkunft Rosengarten in Vellmar

Ein Leben im Flüchtlingsheim: Besuch bei einer iranischen Familie

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Leben auf engem Raum: Tochter Armita (12, von links), Mutter Fatameh (35) und Sohn Arian (16) Sherafati Pour sind aus dem Iran geflohen und leben nun im Flüchtlingsheim in Vellmar.

Vellmar. Nur ein paar Fotos hängen an der Wand. Sie zeigen Fatameh Sherafati Pour, ihre Familie und Freunde. Die 35-Jährige ist vor zwei Jahren mit ihrer Tochter Armita und ihrem Sohn Arian aus dem Iran geflohen. Jetzt lebt sie im Flüchtlingsheim Rosengarten in Vellmar.

Arian hat ein Zimmer für sich allein. Seine Mutter und seine Schwester teilen sich einen etwa 20 Quadratmeter großen Raum.

Fatameh entschuldigt sich für die Unordnung. In dem kleinen Zimmer lagert alles, was die Familie besitzt. Ein Doppelbett, eine Kommode, ein Kühlschrank und ein Tisch füllen den Raum fast komplett aus. Einen Kleiderschrank gibt es nicht. Kleidung stapelt sich auf der Kommode, unter dem Bett sind Taschen und Kartons verstaut. Auf dem kleinen Tisch stehen Töpfe mit Essen. Es duftet gut. In diesem Raum spielt sich das gesamte Leben der iranischen Familie ab. „Es ist eng, aber es geht“, übersetzt Armita für ihre Mutter.

Im Iran hatte die Familie ein Haus, jeder hatte ein eigenes Zimmer, erzählt Arian. Der 16-Jährige ist leidenschaftlicher Fußballer, spielt in Kassel im Verein - „in der Gruppenliga“, sagt er stolz. Er möchte Profi-Fußballer werden, sieht dafür in Deutschland bessere Chancen. Dennoch möchte er gern zurück in den Iran. „Aber nicht für immer“, sagt er. Seine Schwester nickt zustimmend. Auch ihr fehlt die Heimat, auch wenn sie sich in Deutschland wohlfühlt.

Umzug nach Wuppertal 

Doch zurück in den Iran werden sie nicht gehen. Vor einigen Tagen haben die drei erfahren, dass sie einen deutschen Pass bekommen. In ein paar Wochen ziehen sie nach Wuppertal. Dort lebt Fatamehs Schwester. Fatameh will dann vor allem ihr Deutsch verbessern. Für ihre Kinder wünscht sie sich eine gute Zukunft in Deutschland, mit einer guten Ausbildung. Sie selbst hat im Iran zwölf Jahre lang die Schule besucht, gehörte dort zur gehobenen Mittelschicht. In Deutschland fängt sie nun ganz von vorn an.

Mit dem Boot geflohen 

Auch Abdirisaak Mahamed Ali will seine Chance nutzen. Der 25-Jährige ist vor eineinhalb Jahren aus Somalia geflohen. Von Libyen ist er mit einem Boot nach Italien gekommen - 24 Stunden dauerte die Flucht auf dem mit mehr als 60 Menschen besetzten Kahn. Zurückgelassen hat er seine Frau, seine Mutter und seinen Bruder. Wie es ihnen geht und wo sie sind, weiß er nicht.

In seiner Vellmarer Wohnung: Abdirisaak Mahamed Ali (25).

Abdirisaak besucht einen Deutschkurs und spricht schon recht gut. Er mache fleißig seine Hausaufgaben und lese sehr viel, erzählt er. In seinem Zimmer hängen keine Familienfotos, sondern ein Stundenplan, ein Lebenslauf und ein Praktikumszeugnis - sein ganzer Stolz. Er hat ein sechsmonatiges Praktikum in einer Tischlerei in Kassel absolviert und hofft auf einen Ausbildungsplatz. Seine Heimat vermisse er nicht, sagt der junge Mann. Er sei in Deutschland gut aufgenommen worden.

Inzwischen lebt Abdirisaak in einer Wohnung in Vellmar, die er sich mit einem weiteren Somalier teilt. „Das ist schon besser als im Heim“, freut er sich. Beide haben ein Zimmer für sich, ein renoviertes Bad und eine Wohnküche. Für Abdirisaak hat dort bereits ein Stück Normalität begonnen. Im Flur steht sein Fahrrad, ein Basketball liegt vor der Tür. Der junge Mann ist angekommen, hat Pläne. Für seine Zukunft in Deutschland wünscht er sich vor allem, eine Arbeit zu finden. Bleiben will er auf jeden Fall: „Ich liebe Deutschland“, sagt Abdirisaak lächelnd.

40 Prozent leben in einer Wohnung 

In der Gemeinschaftsunterkunft Rosengarten in Vellmar leben derzeit 40 Flüchtlinge. Sie stammen aus Somalia, Indien, Äthiopien, Iran, Syrien, Eritrea, Serbien, Afghanistan, Russland, Bosnien-Herzegowina, Algerien und dem Kosovo. Hausleiter Uwe Förster (57) kümmert sich um die Menschen und die Unterkunft. Bei Bedarf unterstützt ihn ein Sozialpädagoge vom Landkreis. Etwa 40 Prozent der Flüchtlinge im Landkreis sind in Wohnungen untergebracht. Für die Erstausstattung bekommen sie einen Zuschuss. Der Landkreis sucht nach weiteren Wohnungen. Ziel sei es, mehr Flüchtlinge mit eigenem Wohnraum zu versorgen, so Landkreissprecher Harald Kühlborn.

Von Nicole Schippers

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